Wer Penzberg in westlicher Richtung verlässt, kommt an der kleinen Ortschaft Antdorf vorbei – und wird schon von Weitem von einer kleinen Kapelle auf einem auffallenden Hügel begrüßt: die Kapelle auf dem Kirnberg. Im Sommer schimmert sie versteckt zwischen den hochgewachsenen und prächtigen Buchen hindurch, in der kalten Jahreszeit erkennen wir ihr weiß getünchtes Gemäuer schon aus der Ferne. Wie magisch zieht uns die Kapelle auf der wie ein umgestürzte Schüssel wirkende Anhöhe an. Der Weg zu ihr ist nicht ganz einfach: zwischen an einem Gehöft vorbei führt uns der Kirnbergweg schließlich auf engem Pfad zwischen Pferdekoppeln zu einem kleinen Drehkreuz und von dort hinauf auf den Hügel. Der steile Anstieg ist schnell bewältigt und wird von einem fantastischen Rundblick in das von Gletschern geformte Voralpenland belohnt.
Zehn Buchen – zwei davon bereits gefällt – bilden einen schützenden Kreis um die Kapelle. Etwas abseits finden wir auch eine Kastanie, unter der wir auf einer Bank Rast finden können. Dich zunächst lähnt es sich, die Kapelle zu umrunden. Vielleicht erspähen wir mit einem Blick durch eines der Fenster den Innenraum? Dort beeindruckt ein im Jahre 1794 geschaffenes Deckengemälde des bekannten Münchner Malers Franz Seraph Kirzinger. Aber auch wenn wir nicht in den Genuss kommen, die Kapelle zu betreten, wird uns dieser Ort verzaubern. Vielleicht nehmen wir an den Flanken des Hügels ein Sonnenbad und genießen das Atem beraubende Panorama.
Ein guter Moment der Besinnung. “Kirnberg” – was bedeutet dies? “Kirchenberg”? Das wäre die einfachste Überlegung. Tatsächlich könnte das Wort “kirn” aber auch auf das mittelhochdeutsche Wort für Mühle oder Mahlstein hinweisen. Demnach handelt es sich um einen Hügel in der Nähe einer Mühle. Doch wo? Ich kann keinen Bach entdecken, der ein Mühlrad antreiben könnte. Hören wir sogar das keltische Wort kyr für “Wasser” heraus? Oder steckt dahinter noch einfacher das “Korn”? Ein Berg also, der aus dem Korn herausragt? Auch das wäre denkbar. Es geht aber auch noch interessanter und geheimnisvoller: Handelt es sich womöglich um ein cairn, wie ich las, also einem vorgeschichtlichen Grabhügel? In der Tat wirkt der Hügel so gleichmäßig, dass er von Menschenhand aufgeschüttet sein könnte. Doch davon ist nichts zu lesen und zu hören.
Wie auch immer – dieser Ort ist wie eine winzige Insel in der Landschaft. Und wenn wir diese Insel besuchen, dann sind wir für einen Moment außerhalb Zeit und Raum. Wie in einem Boot gleiten wir dahin und können uns der sanften Energie dieses Kraftplatzes überlassen. Ich stelle mir vor, wie dieser Hügel mit seinem Kirchlein aus dem morgendlichen Nebel ragt und für den Beobachter wirklich wie ein Schiff oder eine Insel im Nebelmeer ausgesehen haben mag. Da fallen mir die zehn Buchen ins Auge: sie sind so angeordnet, dass vier an jeder Seite und jeweils eine an der Ost- und an der Westseite der Kapelle stehen – sie bilden so etwas wie den Grundriss eines Schiffes!
Die Zahl Zehn interessiert mich: das lateinische Zeichen X wird in der christlichen Symbolik verstanden als das Andreaskreuz, wie es auch im Christusmonogramm zu finden ist. Zehn ist so etwas wie eine magische Grenze, denn sie ist die erste zweistellige Zahl nach der 9 und in ihrer Quersumme beginnt Kreislauf der Zahlen von vorne: 1 + 0 = 1. Natürlich ist die Zehn die Zahl der Zehn Gebote, des Dekalogs, und es gibt sogar einen astrologischen Bezug, denn in der Antike zählte man zehn Himmelssphären. Alles in allem ist der Charakter Zehn geprägt von Aspekten der Ordnung, der Vollendung und der Gesamtheit. Es erinnert mich an den Baum des Lebens der Kabbalah, der aus den zehn Sephiroth zusammengesetzt ist. Entsprechend steht die Zahl Elf für das Überschreiten dieser Grenze. Der elfte Baum auf diesem Hügel ist eine Kastanie. Sie steht außerhalb der Symmetrie und betont damit diesen Bruch der Ordnung.
Der Kirnberg mit seiner Kapelle wird zu einer wunderbaren Allegorie des Kosmos: wie in vielen Schöpfungsmythen das Wort Gottes die Welt aus dem Urozean des tohu-wa-bohu, des uranfänglichen Chaos, in dem noch alles möglich und noch nichts gestaltet war, die Welt als eine Insel oder einen Berg aufsteigen lässt, wird diese Kapelle zu einem Sinnbild des menschlichen Lebens auf diesem Weltenhügel. So schreibt Augustinus:
“Das Leben in dieser Welt ist wie ein stürmisches Meer, durch das hindurch wir unser Schiff bis in den Hafen führen müssen; wenn wir es schaffen, der Versuchung der Sirenen zu widerstehen, wird es uns zum ewigen Leben bringen.”
Der Kirnberg erinnert uns daran: Unsere Ordnung ist ein fragiles Konstrukt, mit der wir durch die Wogen und Brandungen der Welt steuern. Hier fühlen wir uns geschützt und geborgen – doch ist das Meer der Möglichkeiten, das uns trägt.
Meine Gedanken: Wo in meinem Leben spüre ich das Vertrauen darin, dass ich mich den Wogen des Lebens hingeben kann? Wie gut steuere ich zurzeit durch mein Leben? Wo spüre ich, dass ich mich auf unsicherem Gebiet befinde und meine gewohnte Ordnung in Gefahr ist – und welche Möglichkeiten finde ich in dieser Situation? Welche “Sirenen” versuchen mich gerade von meinem Kurs abzubringen – und welches Lied singen sie?
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