Wenn ich auf die uralte Sommerlinde auf dem Dorfplatz in Effeltrich blicke, kommt mir ein Gedicht des fränkisches Dichters Friedrich Schnack (1888 – 1977) in den Sinn, das, wie mir scheint, nur im Angesicht dieses Baumriesen entstanden sein kann:
Unter deinem mächtigen Gestühle
überfällt mich ahnungslose Kühle,
Strömt mich an des Sommers Atemstoß,
Und ich spüre aus der Blätter Wehen
Fremden Lebens heimliches Geschehen,
Deine Seele groß.Wie sie sich verzweigt im Baume,
Aufwärts steigt und wirkt im Raume,
überwindend ihren Erdengrund:
Wie sie schauert, klingt und leuchtet,
Lichtgesalbt und regenangefeuchtet,
Mit dem Himmel schloss sie ihren Bund.Wölbig wohnen, wunderbare Haube,
Licht und Finsternis in deinem Laube,
Nacht und Tag.
Wenn die Abendsterne blinken,
Wenn die Morgensterne sinken,
Grüßt sie deines Herzens Schlag.
Auf über 800 Jahre schätzen manche diese Baumahnin. Andere sind vorsichtiger und geben ihr Alter zwischen 400 und 670 Jahren an. In jedem Falle aber beeindruckt dieser ehrwürdige Baum durch seine imposante Gestalt: der Stamm misst ca. acht Meter im Umfang, der Baum erreicht eine Höhe von 4,5 Metern. Der Umfang der Krone bel???uft sich auf sechzig Meter und die Hauptäste sind bis zu sieben Meter lang und 90 Zentimeter stark.
Welche Verbindung gibt es zwischen Effeltrich, der “Apfelreichen”, und der Linde? In der Apfelzucht wird der Bast benötigt zur Veredelung der Sorten – und eben dieser wird aus den jungen, nach oben strebenden Trieben der Linde gewonnen. Auf diese Weise erhielt die Linde ihre weit gespannte Kuppelkrone. Doch neben dieser ganz praktischen Bedeutung der Linde für den Ort markiert sie – wie in vielen anderen Ortschaften auch – den zentralen Versammlungsort, sei es um dort Feste zu feiern und in früheren Tagen vor allen Dingen auch um Rat zu halten und Recht zu sprechen. Schon die Germanen hielten bevorzugt unter Linden das Thing ab, eine jährliche Zusammenkunft einer Stammes unter der Schirmherrschaft des Königs. Dann wurde zu Gericht gesessen, politische Geschäfte beraten und rituelle Bräuche abgehalten. Während des Things mussten alle Waffenruhe ruhen ??? es galt der so genannte Thingfriede. Manches Urteil wird mit der Schlussformel besiegelt: “Gegeben unter der Linde.”
Nicht nur die Germanen, auch die Slawen und die Kelten verehrten die Linde als heiligen Baum. Er war der Göttin Freya geweiht, die in vielen ihrer Aspekte mit der lateinischen Venus gleichgesetzt werden kann, der Göttin der Liebe. Betrachten wir das Blatt einer Linde genauer: gleicht es nicht einem Herzen? Im Zuge der Christianisierung ersetzte die Muttergottes die alte heidnische Göttin und aus so mancher Freya-Linde wurde eine Marienlinde. Was bleibt: die Linde ist der Baum der Liebe. In ihrem Schatten offenbart sich ihr Geheimnis in all seinen Spielarten.
Mondscheintrunkne Lindenblüten,
Sie ergießen ihre Düfte,
Und von Nachtigallenliedern
Sind erfüllet Laub und Lüfte.Lieblich läßt es sich, Geliebter,
Unter dieser Linde sitzen,
Wenn die goldnen Mondeslichter
Durch des Baumes Blätter blitzen.Sieh dies Lindenblatt! du wirst es
Wie ein Herz gestaltet finden;
Darum sitzen die Verliebten
Auch am liebsten unter Linden.Doch du lächelst, wie verloren
In entfernten Sehnsuchtträumen -
Sprich, Geliebter, welche Wünsche
Dir im lieben Herzen keimen?Ach, ich will es dir, Geliebte,
Gern bekennen, ach, ich möchte,
Daß ein kalter Nordwind plötzlich
Weißes Schneegestöber brächte;Und daß wir, mit Pelz bedecket
Und im buntgeschmückten Schlitten,
Schellenklingelnd, peitschenknallend,
Über Fluß und Fluren glitten.
Heinrich Heine (1797-1856)
Die Kraft der Linde ist die Kraft der Verbindung: in ihrem Schatten begegnen sich die Menschen – nicht nur um Rat zu halten, sondern auch aus Liebe. So beginnt eines der schönsten Minnelieder des Mittelalters, komponiert von Walther von der Vogelweide (170-1230):
Under der linden
an der heide,
da unser zweier bette was,
da mugt ir vinden
schöne beide
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schöne sanc diu nahtegal.
Unter der Effeltricher Linde feierte man im 19. Jahrhundert romantische “Mondscheinnächte” mit Musik und Gesang. Aus der ganzen Umgebung kamen die Menschen herbei, um unter den belaubten Armen dieses magischen Baumes einander zu begegnen.” Unter den Linden pflegen wir zu singen, trinken und tanzen und fröhlich zu sein, denn die Linde ist uns ein Friede- und Freudenbaum”, bekennt Martin Luther.
Die Effeltricher Linde ist vielleicht eine so genannte Apostellinde, deren Hauptäste, zwölf an der Zahl, künstlich in die Länge gezogen und auf 24 Stützen getragen werden. Zwölf Apostel, zwölf Stunden, zwölf Monate, zwölf Tierkreiszeichen – mit dieser Zahl wird die Verbindung zwischen Himmel und Erde ausgedrückt, dreimal Vier: die Zahl Vier steht für die Erde mit ihren vier Himmelsrichtungen, während die Drei die Zahl des Göttlichen ist, wie die unzähligen Göttertriaden in vielen Kulturen der Welt zeigen. Die Vier ist die Zahl des Raumes, die Drei die Zahl der Zeit, denn sie markiert Anfang, Mitte und Ende eines Zyklus. Ich denke auch an die Pyramiden mit ihren vier aus Dreiecken gebildeten Seiten. Auf diese Weise wird diese Linde zu einem Symbol des gesamten Universums – in ihr verbinden sich oben und unten. “Wie oben – so unten” – so lautet der oberste Grundsatz des legendären Hermes Trismegistos in seinen Smaragdtafeln:
Wahr ist es, ohne Lüge und sicher:
Was oben ist, ist gleich dem, was unten ist,
und was unten ist, ist gleich dem, was oben ist,
fähig die Wunder des Einen auszuführen.
Diese Linde ist nicht einfach nur ein Baum – aus ihren Wurzeln steigt die Kraft der Liebe und verteilt sich über die Blätterkuppel auf alle, die unter ihr verweilen. Wer seinen Fuß unter diesen setzt, betritt heiligen Grund. Bedacht gehe ich im Uhrzeigersinn um die Linde mit ihrem mächtigen, fast acht Meter im Umfang messenden Stamm. Immer enger lasse ich die Kreise werden, nähere mich ihr in einer Spirale. Je näher ich dem Mittelpunkt komme, umso stärker wird die Energie, eine weiche, mütterliche und freundliche Kraft, die mich von allen Seiten umgibt und mich einhüllt. Fast erscheint es mir, als sei ich in ein helles, goldenes Licht getaucht, das aus den zweigen über mir auf mich herabregnet. Die Kraft wächst sanft und bald kann ich mit ausgestreckten Armen die furchige Rinde berühren. Ich halte inne, spüre dem Kreislauf nach, dessen Teil ich geworden bin: aus der Tiefe der Erde über die Blätterkuppel wieder hinab – es strömt auf und ab, und durch mich hindurch. Zwischen Himmel und Erde, oben und unten werde auch zu einem Kanal und erlebe ein eigenartiges Empfinden von Grenzenlosigkeit, von vollständiger Verbundenheit von allem zu allem.
Langsam löse ich mich aus diesem Zustand und verlasse die Runde. In mir kreisen Gedanken:
Was hält mich hier zwischen Himmel und Erde? Nach welcher Art der Verbundenheit mit der Welt sehne ich mich? In welchen Bereichen meines Lebens fehlt mir dieses Gefühl – eingebunden zu sein, dazu zu gehören? Wem w?ürde ich jetzt und hier am liebsten unter der Linde mein Herz schenken? Welchen Menschen, denen ich je mein Herz schenkte, würde ich unter diesem Baum wieder begegnen – und was würden sie mir über mich und mein Leben erzählen?
Gegenüber der Linde erhebt sich trotzig die wehrhafte Umfriedung der Kirchenfestung St. Georg. Was für ein Gegensatz! Hier die weiche Umarmung der Linde, die keine Wände braucht, keine Mauern, um uns Schutz und Geborgenheit zu spenden – dort die steinerne Umklammerung der Mauern im Schutze des Drachentöters, ein Bollwerk der Abgrenzung. So offenbart sich in Effeltrich die doppelte Wahrheit des Lebens: Verbindung und Trennung sind nur zwei Aspekte ein und desselben – so wie Yin und Yang den Tanz des Tao in Gang halten.
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Tanzlinde | táncmulatság a fán - koos.hu Februar 23rd, 2008 um 09:10
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Eveline Mai 31st, 2009 um 16:01
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