Der Eibenwald bei Paterzell

Irgendwo im Pfaffenwinkel ganz in der Nähe des beschaulichen Ortes Paterzell finden wir ein einzigartiges Stück Natur: einen Wald aus Eiben. Zwischen Buchen, Fichten und Tannen, die ihre Kronen in schwindelerregende Höhen strecken, wachsen über 2000 alte Eiben – so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland.

Die Eibe ist ein seltsamer Baum und die älteste heimische Baumart. In Europa gibt es sie schon seit 600.000 Jahren und steht heute unter Naturschutz. Sie ist der einzige heimische Giftbaum und liebt es, im Schatten der anderen Bäume zu gedeihen. Sie braucht kaum Licht und wächst sehr langsam und nicht sehr hoch (15, manchmal auch bis 18 Meter), doch kann sie dafür älter werden als alle übrigen heimischen Bäume.

Foto: Christoher Weidner

Foto: Christopher Weidner

Sie ist ein in vieler Hinsicht besonderer und merkwürdiger Baum, denn sie ist auf der einen Seite ein Nadelgehölz, auf der anderen Seite bildet sie keine Samenzapfen wie die Fichte oder die Tanne, sondern als einzige Art rote Beeren, die in Wirklichkeit “Scheinbeeren” (Arillus) sind, bei denen das korallrote Fleisch des Fruchtbechers einen Samenkern umhüllt. Während die weiblichen Eiben im Spätsommer und Herbst diese Früchte tragen, verbreiten die männlichen Eiben aus ihren Blüten im Frühling einen nebelartigen Staub.

Auffällig auch die oft gewundene, wulstige, tief gefurchte Gestalt des Stammes, in dessen Formen wir nicht selten eigenartige Wesen und Gesichter zu erkennen glauben. Die Eibe scheint keine Symmetrie zu verfolgen in ihrem Wuchs, sondern immer wieder vereinen sich Äste mit dem Stamm, umwinden diesen, verbinden sich zu einer geschlungenen Ganzen. Ältere Bäume sind hohl und verjüngen sich, indem sich aus der Krone Äste in den Boden senken und so einen neuen Stamm bilden oder werden von jungem Holz umwallt. Die Eibe scheint sich einem ununterbrochenen Transformationsprozess zu unterwerfen, der es schwer macht ihr wahres Alter zu bestimmen. Ihr Holz hat keine Harzkanäle und eine gelbliche bis tiefrote Färbung. Besonders an feuchten, regenreichen Tagen leuchtet es unter der abgeschuppten Rinde oft blutrot hervor.

Foto: Christopher Weidner

Foto: Christopher Weidner

Ihr sehr haltbares und elastisches Holz wurde der Eibe schon früh zum Verhängnis. Ihr Name leitet sich von “iwa” ab, gleichzeitig das Wort für Bogen und Armbrust. Aus diesem Holz schuf man schon seit der Steinzeit besonders langlebige Waffen. Schon das Bogenholz von “Özti”, der in den Ötztaler Alpen gefundene mumifizierte Leichnam eines Menschen der frühen Steinzeit, war aus diesem begehrten Holz gefertigt. Nicht umsonst findet man sie als langsam wachsende Waffenkammern oft gehäuft rings um Burgen. So kam es, dass Eiben in Oberbayern und anderswo aufgrund der großen Nachfrage an Kriegs- und Jagdwaffen um 1600 schon weitgehend ausgerottet waren. Überlebt hat sie zumeist in Gärten, auf Friedhöfen und in Parks. Doch selten sind solche Anblicke wie hier bei Paterzell: ein ganzer Wald voller Eiben. Einige dieser Baumahnen sind wohl bis zu 1000 Jahre alt.

Andere wiederum sagen, das althochdeutsche “iwa” hänge mit dem Wort “ewa” für Ewigkeit zusammen – die Eibe, der immergrüne Baum, der den Tod überwindet – und bringt.

Die Eibe
schlägt an die Scheibe.
Ein Funkeln
Im Dunkeln
Wie Götzenzeit, wie Heidentraum
Blickt ins Fenster der Eibenbaum.
(Theodor Fontane)

Foto: Christopher Weidner

Foto: Christopher Weidner

Von der Giftigkeit der Eibe spricht bereits Julius Cäsar. Er berichtet, dass der Eburonenkönig Catuvolcus sich mit einem Eibentrunk das Leben nahm. Sehr wahrscheinlich hatte der Selbstmord des Keltenfürsten einen kultischen Hintergrund. Das Gift der Eibe führt zu einem schnellen Herzstillstand, heißt Taxin und ist stärker als das des Fingerhuts. Schon eine geringe Dosis der Nadeln kann auf Pferde tödlich wirken. Auch für Menschen ist die Eibe giftig, allerdings müsste er wenigstens 50 Gramm davon verspeisen. Einzig das rote Fruchtfleisch, welches den ebenfalls giftigen Samenkern umschließt, ist ungiftig und schmackhaft. Für Rehe allerdings ist die Eibe ein wahrer Leckerbissen: Taxin scheint stimulierend auf die Tiere zu wirken, ähnlich wie Tabak auf den Menschen – ein Problem vor allen Dingen für den Nachwuchs der Eiben, der in den überhegten Rehbeständen unserer Wälder durch entsprechende Maßnahmen wie Umzäunungen geschützt werden muss.

Der griechische Arzt Dioskurides (1.Jhdt. n.Chr.) behauptete, wer unter den Eiben Spaniens schliefe, müsse sterben. Es reiche manchmal schon aus, vom Schatten der Eibe getroffen zu werden um. Hieronymus Bock (1198 – 1554) warnt in seinem Kräuterbuch: „Jeder der unter einer Eibe einschläft ist des Todes.” Wegen seiner Giftigkeit galt die Eibe auch als der “verbotene Baum”.

Du starrtest damals schon
So düster treu wie heut,
Du, unsrer Liebe Thron
Und Wächter manche Zeit;
Man sagt, dass Schlaf, ein schlimmer,
Dir aus den Nadeln raucht, -
Ach, wacher war ich nimmer,
Als rings von dir umhaucht!

(Annette von Droste-Hülshoff)

Quelle: wikipedia

Quelle: wikipedia

Es nimmt kaum Wunder, dass dieser geheimnisvolle Baum mit seiner sonderbaren Gestalt auch ein heiliger Baum ist. Die Germanen und Kelten sahen in ihm einen Baum des Todes und der Ewigkeit, ein Begleiter in die Anderswelt. Sie tränkten ihre Pfeilspitzen im giftigen Eibensud. Die Druiden, so heißt es, bevorzugten für ihre Zauberstäbe das Holz der Eibe. Wahrscheinlich wurde es unter aufwendigen Ritalen geschnitten, vielleicht bei Mondfinsternissen, wie die Hexen in Shakespearses Macbeth dies tun. Der Zauber der Eibe hatte zudem eine bannende Wirkung gegen alles Böse, gegen Hexen und Dämonen: “Vor Eiben kann kein Zauber bleiben”. Bösartigen Gnomen konnte man beikommen, indem man Eibenzweige vor deren Höhlen streute. Der Eibe hatte im angelsächsischen Raum eine eigene Rune: “Ihwaz”. Diese Zauberrune sollte Krankheit und Unheil abwenden.

Die Eiben säumen den Scheideweg zwischen Leben und Tod:

Est via declivis funesta nubila taxo
ducit ad infernas per muta silentia sedes.

Abwärts senkt sich der Weg,
von trauernden Eiben umdüstert,
Führt er durch Schweigen stumm
zu den unterirdischen Sitzen.

(Ovid, Metamorphosen IV, 432)

Foto: Christopher Weidner

Foto: Christopher Weidner

Eine gewaltige Eibe soll auch an den Ufern des Unterweltflusses Kokytus, dem Fluss der Klagen, wachsen. Als Baum der Unterwelt finden wir sie auf vielen Friedhöfen. In der Bretagne heißt es, dass es auf einem Friedhof jeweils nur einen einzigen Eibenbaum geben dürfe, weil dieser seine Wurzeln in die Münder der Toten senke. Andererseits stehen Eiben nicht nur für den Tod, sondern auch für dessen Überwindung, nicht zuletzt weil sie immergrün sind. In der irischen Sage von Naoise und Deirdre wachsen aus den Pflöcken, die in die Leichen der beiden Liebenden geschlagen wurden, zwei Eiben, deren Zweige sich miteinander verbinden und so den Sieg der Liebe über den Tod symbolisieren.

Foto: Christopher Weidner

Foto: Christopher Weidner

An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass manche glauben, Yggdrasil, der Weltenbaum der Germanen, sei gar keine Esche, sondern eine Eibe, da diese als immergrüner Baum viel besser geeignet sei, die neun Welten zu verbinden. Bemerkenswert ist, dass Yggdrasil so viel wie “das Pferd des Schrecklichen” bedeutet, wobei der Schreckliche niemand geringerer sein wird als Odin selbst, der höchste aller Götter. Wenn damit der Baum selbst gemeint ist, dann könnte er auch als ein “Reisebaum” betrachtet werden – ein Baum, auf dessen “Rücken” wir in andere Welten reisen können. Dies könnte ein Hinweis auf die psychoaktiven Wirkstoffe der Eibe sein: Besonders an warmem Tagen dünsten Eiben Pseudoalkaloide aus, so dass viele Menschen schon nach wenigen Minuten eine Mundtrockenheit, Entspannung und Wärme empfinden, eine typische Alkaloidwirkung. Andere berichten über Beklommenheit, Kopfschmerzen und Kreislaufstörungen, die sich nach einem mehrstündigen Aufenthalt unter der Eibe einstellen. Auch rauschartige, euphorische Zustände bis hin zu Trance können eintreten.Hielten deshalb die Druiden unter Eiben Rat, weil sie die bewusstseinserweiternde Wirkung dieses Baumes nutzten?

Wie dem auch sei. Alles Wissen um die Mythologie der Eibe reicht nicht aus, um zu beschreiben, was wir erleben, wenn wir uns auf die Kraft des Eibenwaldes einlassen. Bei einem Besuch im Paterzeller Eibenwald, am besten früh am Morgen oder in den Abenstunden, mag jeder sich seinen eigenen Eindruck verschaffen. Die Begegnung mit diesen Baumgeistern ist in jeden Fall etwas ganz Besonderes. In ihrem Schatten herrscht eine düstere Atmosphäre, die Ehrfurcht einflößt – kein Baum, unter dessen schützenden Dach ich ein Picknick machen würde. Jeder Baum ist ein Individuum, keine Begegnung gleicht der anderen. Wie Gespenster oder Wesen aus einer anderen Welt strecken sie uns ihre Äste entgegen, manchmal einladend, öfters aber warnend. Wer sich von der Eibe berühren lässt, der muss bereit sein, ihre starke Kraft der Wandlung zuzulassen. Dann aber ist die Eibe wie ein Kanal, der uns vo Altlasten befreien kann – wenn wir bereit sind, sie wirklich loszulassen, um einen Neubeginn zu wagen. Eiben verändern uns, mehr noch, sie verwandeln uns. Wer dies nicht ertragen will, der sollte sich nicht zu lange ihrem Einfluss aussetzen …

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Mit den STADTSPÜRERN durch das Mystische München:

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