Die Tassilo-Linde bei Wessobrunn

Herzog Tassilo III. liebte die Jagd. Er war der letzte bayrische Herzog aus dem Geschlecht der Agilofinger und ein Vetter Karls des Großen. Zahlreiche Klostergründungen gehen auf sein Wirken zurück, darunter so klingende Namen wie Frauenchiemsee. Und so will es die Legende, dass er auch für die Gründung des Klosters von Wessobrunn verantwortlich ist, auch wenn es hierfür keinen Beleg gibt. Doch über das Kloster mit seinem Brunnenhaus, den drei Quellen, dem Römerturm, auch „Grauer Herzog“ genannt, und vor allen Dingen der einzigartige Stuck in den Gängen und im Tassilosaal soll an einer anderen Stelle die Rede sein. Ich lenke meine Schritte am Brunnenhaus vorbei Richtung Klostermauer, wo mittlerweile ein durch die Klosteranlage führender Pfad zu jener Baumahnin weist, an der alles seinen Anfang nahm …

Tassilo liebte, wie gesagt, die Jagd. Und muss er sich in den Wäldern zwischen Ammer und Lech regelrecht verausgabt haben eines schönen Tages, denn die Nacht brach über ihn und sein Gefolge herein und er war gezwungen, sein Lager aufzuschlagen. Er selbst bettete sein Haupt unter einer Linde. In dieser Nacht träumte ihm, dass sich der Himmel öffnete und ein Lichtstrahl die Landschaft erhellte, genau an einer Stelle, an der drei Quellen sprudelten. Diese flossen in Form eines Kreuzes zusammen, während auf dem Lichtstrahl wie auf einer Leiter Engel auf und ab stiegen, um dort Wasser zu schöpfen. Ganz oben, so heißt es, hätte Petrus mit seinem Himmelsschlüssel über die Szenerie gewacht und über den Quellen seine segnende Hand erhoben.

Der Herzog, kaum war er erwacht, berichtete seinem Getreuen Wesso, welch merkwürdiges Gesicht ihm im Schlaf erschienen war. Es war eine Zeit, in der ein Traum nicht einfach nur symbolische Mitteilung des ganz privaten Unbewussten, sondern Botschaft der Götter sein konnte. Dieser Wesso scheint sofort begriffen zu haben, dass es sich um einen göttlichen Fingerzeig handelte. Sofort brach er auf und machte sich auf die Suche. Und tatsächlich: Nicht weit von der Linde entdeckte er die drei Quellen. Tassilo ließ Benediktiner vom Tegernsee rufen und beauftragte sie mit der Gründung eines Klosters zu Ehren des Heiligen Petrus. Seinen Namen aber erhielt der Ort nach dem Finder: Wessobrunn.

Kehren wir in Gedanken zur Linde zurück. Schon damals im 8. Jahrhundert, zu Lebzeiten des Herzog, muss sie ein stattlicher Baum gewesen sein, will man der Sage Glauben schenken. Das ist nun rund 1200 Jahre her. Es handelt sich um eine Winterlinde, im Umfang etwa 14 Metern und in der  Höhe 25 Meter. Die stattliche Krone misst im Durchmesser 27 Meter – ein wahrhaft majestätischer Baum also, dessen Pracht sich immer mehr entfaltet, je näher man ihm kommt.

Ist die Linde wirklich so alt? Wir wissen es nicht. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Winterlinden ein so hohes Alter erreichen können. „Tausendjährig“ wird sie genannt, aber hier steht wohl die Zahl für die unbestimmbare Tiefe der Vergangenheit, in der sie in der Erinnerung der Menschen verschwindet. Hinzukommt, dass die Linde, wie wir sie heute vor Augen haben, durchaus an einer Stelle stehen könnte, die schon immer ein Lindenplatz gewesen ist. Vielleicht ein Ort, an dem Generationen von Linden ihren Platz gefunden haben. Schon jetzt sprießen im Inneren der Tassilo-Linde neue Schößlinge und lösen vielleicht eines Tages den jetzigen Baum ab in einem fließenden Übergang.

Die Linde ist ein Baum der Liebe, der Begegnung. Alles an ihr ist auf das Herz ausgerichtet, selbst ihre Blätter, die in Form eines Herzen wachsen. In der Tassilo-Linde ist es sogar möglich, im Herzen der Linde Platz zu nehmen, denn sie ist hohl. Genauer gesagt um schließen die nach außen driftenden Stämme der Baumahnin eine Art Sockel, auf den man durch schmale Pforten gelangt. Hier findest du Ruhe – aber es ist keine Stille, die du hier findest, denn selten bist du alleine. Wanderer kommen vorbei, umrunden staunend den Baumriesen, Kinder spielen hin und wieder in den Ästen, die zum Klettern einladen, ein Hund tänzelt zwischen Laub und Lindenblüten. Doch nichts davon stört die Andacht – im Gegenteil: die Bewegung, die von Nah und Fern diesem Baum entgegenstrebt, ist Teil der Andacht. Alles an der Linde ist Begegnung, Verbindung. Was hier zusammenkommt, berührt sich. Die Dorflinde ist noch heute Sinnbild für den Mittelpunkt der Gemeinde, an dem man sich trifft. Früher wurde unter Linden Recht gesprochen und Ehen geschlossen. Tanzlinden laden zu geselligem Vergnügen ein. Nicht umsonst steht sie unter dem Signum der Freya, der germanischen Venus, Göttin der Schönheit und der Liebe, aber auch des Ausgleichs der Kräfte. Venus steht für das Verbundensein, mit unserem Leib, unseren Mitmenschen, der Natur. Genussvolles Miteinander.

Die Linde bietet mir einen Platz unter ihrem Dach an, eine Art natürlichen Sessel, der sich zwischen den Knollen und Verwachsungen der Rinde gebildet hat. Ich sitze leicht erhöht und blicke hinauf in das Blätterdach, während meine Gedanken um meine Beziehungen kreisen. Zu Menschen, die mich gerade umgeben. Zu Menschen, die mich im Alltag begleiten, mal flüchtiger, mal intensiver. Zu Menschen, mit denen ich mein Leben teile, geteilt habe, teilen will. Und in deren Leben auch ich Teil bin. Mein Leben verschränkt sich unablässig mit dem Leben anderer. „Ich kann mich nicht nicht beziehen“, heißt es. Auch Ablehnung ist eine Form, sich auf einen anderen Menschen zu beziehen, mit ihm oder ihr in Beziehung zu stehen. Sich mit einem anderen Menschen verbunden zu fühlen kann auf vielen Ebenen geschehen. Jede Beziehung ist eine neue Welt.

Das Blatt der Linde gleicht einem Herz. Wenn ich die Form mit zwei Finger beschreibe, sind es zwei Linien, die einen gemeinsamen Ausgangspunkt nehmen, sich voneinander entfernen, dann wieder zusammenfinden. Dabei beschreiben sie eine Kurve, gehen gewissermaßen auf ihrem Weg ein Stück zurück, als ob sie sich an ihren Ursprung erinnern wollen. Verbundenheit braucht Trennung, braucht Unterschiede. Vielleicht beschreibt das Herz diesen Gedanken als Prozess: Wir begegnen einander, erleben den Augenblick der Einheit, um uns dann wieder vom anderen zu trennen, um unsere eigenen Kreise zu ziehen. Dann steuern wir wieder aufeinander zu, um uns erneut zu begegnen, auf neue Weise.

Der Traum des Tassilo ist ebenfalls geprägt von Metaphern der Verbindung – zwischen Oben und Unten. In Wessobrunn berühren sich das Höchste und das Tiefste, das Licht des Himmels und das Wasser, das aus der Erde quillt. Zwischen diesen beiden Polen steigen Engel auf und ab. Welche Engel sind es, die zwischen mir und dir, zwischen uns hin- und hergehen?

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