Im Wiesfilz – irdische Tiefen neben lichten Höhen

Die Wieskirche – Bayerns wohl berühmtester Sakralbau – steht nicht umsonst in einer magischen Landschaft. Doch davon an anderer Stelle mehr, denn was die Touristengruppen, die im Viertelstundentakt von Autobussen ausgespuckt werden, sicherlich versäumen, liegt nur einen Steinwurf von diesem Ort der Walfahrt entfernt: das Wiesfilz. Es handelt sich um ein Moorgebiet, eingerahmt von Wald, sich dem Wandernden über den Brettlesweg erschließt, schmale Planken, die uns quer über das Feuchtgebiet führt – ein magisches Stück Natur.

Ich passiere, von Steingaden auf dem Prälatenweg kommend und in den König-Ludwig-Weg Richtung Osten abzweigend einen dichten Wald. Dann lichten sich die Bäume und der Pfad wird abgelöst durch schmale Bretter, die mich fast schnurstracks in das Moos hinein geleiten. Der Wald tritt zurück und es öffnet sich dem Auge eine sirrende Landschaft in Rotbraun und Grün. Krüppelkiefern recken ihre Finger in das tiefe Blau des Himmels, Birken leuchten weiß und grün, dazwischen funkelt das Wasser zwischen Moos und Gräsern. Alles wird hier aufgesaugt: Jeder Laut wird zum Flüstern, jeder Tritt verklingt stumpf. Alles wirkt auf einmal ganz nah und intim, obwohl der Blick in der Ebene kaum Halt findet. Die Strahlen der Sonne  an diesem herrlichen Oktobertag konkurrieren mit der so ganz anderen Wärme, die aufsteigt, wo Wasser und Erde sich mischen.

Moor – das klingt warm, weich, tief. Das Wiesfilz ist kaum 400 Meter breit. Der Weg auf knarzenden und schwankenden Bohlen folgt einem alten Kirchenweg – und führt mich in eine unwirkliche Welt wie aus Urzeiten. Seltene Pflanzen wachsen hier: Faulbaum, Alpenhaargras, Sumpfherzblatt, Blutweiderich, Sonnentau – und unzählige Arten von Torfmoosen.

Die Wahrnehmung verdichtet sich hier. Hören, Sehen, Spüren – der Umkreis der Sinne liegt eng am Körper. Mit den bloßen Füßen steige ich in eine Pfütze – trügerisch flach, denn der morastige Boden gibt schnell nach und der Fuß verliert sich in einer grundlosen Tiefe. Ein hüfthoher Ast, den ich in das schwarze Wasser tauche verschwindet ganz. Und doch kann ich dem Drang nicht widerstehen, dem Moor näher zu sein, wenigstens dem Empfinden nach mit ihm eins zu werden. An einer Birke finde ich eine moosige Stelle, die zwar unter meinem Gewicht quietschend nachgibt, aber mich trägt. Luftblasen steigen auf, Grashüpfer schrecken davon. Das Moor trägt mich.

„Ins Moor gehen“ – der freie Tod, der auf ganz unmittelbare Weise in den Schoß der Erde führt. Die Kelten, die Germanen und sicher viele andere Völker versenkten Menschen im Moor, um sie den Göttern zu opfern. Schon Tacitus weiß von germanischen Menschenopfern an die Göttin Nerthus zu berichten. Ganz in der Nähe, im Weiter Filz bei Peiting, fand man die Moorleiche einer Frau, die wohl im 14. oder 15. Jahrhundert im Wochenbett verstarb. Heute jagen uns die ledrige Haut der verzerrten Gesichter und merkwürdig verrenkten Glieder der in vielen Museen ausgestellten Moorleiche einen Schauer über den Rücken. Wir wissen heute: Verbrecher waren die Ausnahme. Möglicherweise war es sogar ein Privileg, auf diese Weise die letzte Ruhe zu finden.

Was auch immer die Menschen vor Jahrhunderten, Jahrtausenden bewog – heute spüre ich den Sog, des Moores. Die irdischen Tiefen ziehen hinab in etwas, das in seiner Weichheit und Wärme Schutz und Geborgenheit verspricht. Ich strecke mich auf den Planken aus, denn die Waagrechte ist die Ausrichtung des Körpers, die diesem Zustand entgegenkommt. Die Augen schließen und sich von der Gegenwart des Moores aufsaugen lassen …

Irgendwann tauche ich wieder auf. Schritte nähern sich. Ein älteres Ehepaar nähert sich. Er schwäbelt vor sich hin, erklärt ihr, was sie sieht, sie geht vor ihm her und lässt einfach nur die Augen schweifen. Ob sie gehört hat, dass das Moos das Zwanzigfache seines Gewichtes an Wasser aufnehmen kann? Ich beschließe meinen Weg zur Wieskirche fortzusetzen. Ich grüße artig, schlüpfe in meine Schuhe und setze meinen Weg Richtung Osten fort, wo mich schon bald das Weiß des Gotteshaus auf seine lichten Höhen winkt. Die Welt hat mich wieder.

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Mit den STADTSPÜRERN durch das Mystische München:

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