Kurz nach dem wir Tutzing Richtung Süden verlassen, fällt unser Blick auf eine weiße Säule unter Buchen auf. Ein kleiner Fußweg führt die Anhöhe hinauf und nach wenigen Schritten finden wir uns auf dem Grat eines Steilhanges wieder, auf dem ein Weg entlang führt. Vor uns öffnet sich das Panorama des Würmsees: bis hin zu den Alpen schweift der Blick und auf dem gegenüberliegenden Ufer blitzt das strahlende Weiß die Pfarrkirche von Holzhausen zu uns herüber, die Johannes dem Täufer geweiht ist. Doch der Ort an dem wir uns befinden, gilt einem anderen Johannes. Wir wenden uns der Säule zu – und entdecken, dass es sich um einen Schrein handelt, in dem das überlebensgroße Holzstandbild eines anderen Heiligen wohnt: Johannes Nepomuk. Im Schatten der alten Buchen nehmen wir Platz auf de dort aufgestellten Bänken und genießen den Ausblick auf den See.
Wer war dieser Johannes Nepomuk? Johannes wurde um das Jahr 1340 in Pomuk geboren, einer Kleinstadt im heutigen Tschechien. Johannes ne Pomuk (“aus Pomuk”) wirkte unter Anderem als Domherr in Prag und machte sich durch sein resolutes Auftreten für die Rechte der Kirche nicht gerade beliebt beim König Wenzel – dafür umso beliebter beim Volke. Als nun die Königin von Böhmen Johannes als ihren Beichtvater auswählte, wollte Wenzel ihn zwingen, das Beichtgeheimnis zu brechen. Johannes weigerte sich bis in den Tod: er starb als Märtyrer unter der Folter im Jahre 1393. Daraufhin warf man ihn in die Moldau. Die Legende will es, dass fünf Sterne zum Fundort der Leiche führten, sodass er im Prager Veitsdom bestatte werden konnte. 1693 wurde ihm auf der Prager Karlsbrücke ein Denkmal gesetzt – dies machte ihn zu einem bedeutenden Brückenheiligen und zu einem, der über die Naturgewalten des Wassers gebietet. In dieser Funktion begegnet er uns auch hier: als Schutzherr vor Seenot durch Gewitter. Er hält das Kruzifix fest in der Hand und sein Haupt wird von sieben Sternen umkränzt – das ist ungewöhnlich, denn üblicherweise wird der Heilige nur mit den fünf Sternen umkränzt, die den Weg zu seinem Leichnam wiesen. Er ist übrigens der einzige Heilige neben der Jungfrau Maria, dessen Heiligkeit durch Sterne symbolisiert wird. Manchmal werden diese auch mit den fünf Buchstaben des Wortes TACUI – “ich habe geschwiegen” – in Verbindung gebracht. Der Heilige Johannes Nepomuk schützt nicht nur gegen die Gefahren des Wassers und ist ein Heiliger der Brücken, sondern er ist auch der Patron der Verschwiegenheit.
Ebenso verschwiegen ist dieser kraftvolle Ort unter dem Schutz der mächtigen Buchen. Ein Ort, an dem das Sprechen verstummt und wir uns ganz in uns hineinhorchen möchten, während sich unser Auge in den schneebedeckten Gipfeln der Berge verliert. Hinter uns schenkt Johannes Nepomuk uns die Kraft, für unsere Ideale einzustehen und uns selbst treu zu bleiben – egal, wie stürmisch die See auch sein mag. So steht er als Brückenheiliger für die Liebe, die eine Brücke zwischen den Herzen schlägt, aber wichtiger noch ist seine Rolle als Hüter der anvertrauten Geheimnisse, die wir in unseren Herzen tragen. Er ist der Hüter des Vertrauens, das andere in uns gesetzt haben.
Meine Gedanken: Wo habe ich schon einmal ein mir anvertrautes Geheimnis verraten – und mich dadurch schuldig gefühlt? Was könnte ich tun, um es wieder gut zu machen?
Vielleicht trage ich ein Geheimnis in meinem Herzen, das ich gerne los werden möchte – hier finde ich Kraft, um das Vertrauen, das in mich gesetzt wurde, zu bewahren.
Möchte ich manchmal lieber schweigen?