Der Steintanz von Boitin

Zwischen Güstrow und Sternberg in der Nähe der Ortschaft Boitin erstreckt sich einer der größten zusammenhängenden Buchenwälder Mecklenburgs – so groß, dass man sich tatsächlich noch ernsthaft in ihm verlaufen könnte, heißt es. Zwischen uralten Bäumen, plätschernden Bächen und versteckten Teichen können wir uns fürwahr verlieren, denn hier atmet der Wald eine geheimnisvolle Ruhe, manchmal flößt er uns Furcht ein, lässt uns die Macht seines Alters spüren. Die Wege zu verlassen ist oft mit dem Eindruck verbunden, zu stören. Das gesamte Gebiet strahlt Erhabenheit aus, die uns zwar tief berührt, aber uns auch mit dem Gefühl der Fremdheit zurücklässt. Kein Platz, der uns sofort in seine Arme schließen will. Und dennoch oder gerade deshalb birgt er eines der geheimnisvollsten Monumente der Vorzeit: den Steintanz von Boitin.


Dabei handelt es sich um ein Ensemble von insgesamt vier Cromlechs oder Steinkreisen. Drei davon sind dicht nebeneinander gruppiert, ein vierter liegt etwa 175 Meter südöstlich im Wald. Das Alter dieser Steinkreise lässt sich nur erahnen, Bestattungsfunde aus der vorrömischen Eisenzeit (600 – 400 v.Chr.) belegen lediglich, dass diese Anlage in dieser Zeit zu kultischen Zwecken genutzt wurde, sagen aber nichts darüber aus, wann sie errichtet wurde. Es ist genauso gut möglich, dass wir es hier mit einem bronzezeitlichen oder sogar jungsteinzeitlichen Monument zu tun haben – einer Epoche also, in der das Errichten von Steinkreisen und anderen megalithischen Anlagen Teil der Kultur in Europa gehörte.

Schauen wir uns die Steinkreise näher an, die allesamt aus bis zu zwei Metern hohen, wenn überhaupt nur grob bearbeiteten Findlingen errichtet wurden. Der größte der drei nebeneinander liegenden Kreise besteht aus neun aufrechten Steinen und sein Durchmesser beträgt knapp vierzehn Meter. Der zweitgrößte besteht aus acht Steinen und hat einen Durchmesser von etwa 13,5 Metern. Der kleinste zählt sieben Steine, wobei eine Lücke im Kreis möglicherweise den Schluss zulässt, dass hier noch ein achter gestanden haben mag, und umfasst einen Durchmesser von immerhin noch rund acht Metern. Interessanterweise bilden die Mittelpunkte der drei Kreise ein gleichschenkliges Dreieck, wobei zwei Schenkel 18 Meter in der Distanz aufweisen und die Basis gewissermaßen 29 Meter. Der kleinste Kreis ist so auf den größten Kreis ausgerichtet, dass sein Mittelpunkt sich in exakter Nordrichtung befindet, wie die Abbildung zeigt. Die Gestalt eines Dreiecks lässt Verbindungslinien zwischen den Steinen auftauchen, die wiederum Vermutungen wachrufen, diese Kreise seien auch zu astronomischen Zwecken genutzt wurden.

Vor sechzig Jahre spekulierte dazu ein Professor Timm:

„Diese gedachte Linie bildet mit der Nordrichtung den genauen Winkel von 133° 11′ und 29″. Der Sonnenaufgangspunkt zur Wintersonnenwende ist hier festgelegt. Die 28 Tage des Monats zählte man im ‚Grossen Steintanz‘, dessen drei Kreise zusammen 28 Steine fassten. Die 13 Monate = Mondumläufe des Jahres wurden an den 13 Steinen des ‚Kleinen Steinkreises‘ vermerkt. 13 mal 28 ergeben aber erst 364 Tage. Darum zählte man an dem einzelnen Stein zwischen den Kreisen I und II (den man nicht mehr auffindet), noch einen Tag – wohl der Neujahrstag zum Fest der Wintersonnenwende – besonders hinzu, und das Sonnenjahr war mit 365 Tagen voll.“

Der Steintanz also eine Art vorgeschichtliches Observatorium, ähnlich wie Stonehenge oder auch die Kreisgrabenlagen in Süddeutschland oder das Sonnenobservatorium von Goseck? Professor Timms Überlegungen wurden schon bald angegriffen, denn es scheinen Steine zu fehlen, andere wiederum wurden offensichtlich verrückt und zudem ließen die mathematischen Ausführungen wohl zu wünschen übrig.

In Zentrum der Kritik steht der als „Brautlade“ bekannte Stein. Er gehört zum größten Steinkreis, misst fast zwei Meter in der Höhe, besteht aus rotem Granit und fällt durch seine eigenartig spitz zu laufende Form auf. Noch merkwürdiger aber sind dreizehn rechteckige Vertiefungen (viele zählen irrtümlicherweise nur zwölf Vertiefungen auf), die von der Spitze bis an die Basis des Steines in einer Linie in den Stein geschlagen wurden und von denen jetzt noch elf über der Erde sichtbar sind. Für Timm war klar: Hier wurden die Monate des Mondjahres gezählt. Doch die Gegner der Kalendertheorie kontern: Es handelt sich um Löcher, die in der Neuzeit angebracht wurden, um den Stein zu sprengen. Ale Beleg führen sie einen offensichtlich gespaltenen Stein im zweiten Kreis an, der ähnliche Vertiefungen aufweist. Wie immer aber gilt: Nichts Genaues weiß man nicht. Wer möchte die Hand dafür ins Feuer legen, dass seine Theorie richtig ist? Die Wahrheit ist: Wir haben keine Ahnung, wozu diese Vertiefungen gedient haben mögen, ob sie schon zur Zeit der Anlage hinzu gefügt wurden und einen entsprechenden Sinn für das Ganze hatten oder ob es sich um nachträgliche Eingriffe handelt. Und selbst dann wissen wir nicht, ob diese Vertiefungen dann im Zusammenhang mit dem Sinn der Anlage standen – oder mit ihrer versuchten Zerstörung. Das bleibt das Geheimnis des Steintanzes.

Neben der „Brautlade“ fallen auch andere Steine auf, zum Beispiel die beiden so genannten „Kanzelsteine“ im zweiten und dritten Kreis, erkennbar an den Absätzen, auf die sich der Vorstellung nach ein Mensch stellen könnte, um eine Predigt zu halten. Sehr wahrscheinlich sind diese Absätze jedoch natürlichen Ursprungs und sind durch Erosion, z.B. Durch Frosteinwirkung, entstanden.

Spannend ist, dass die Sonnenwende auch in der Sage, die sich um die Steinkreise entwickelt hat, eine Rolle spielt. Zwar handelt es sich um die Sommersonnenwende, aber der Bezug zu jahreszeitlich relevanten Daten ist das Interessante:

Das Dorf Dreetz lag früher in unmittelbarer Nähe des Steintanzes. Einst wurde in Dreetz eine prächtige Bauernhochzeit gefeiert. Es ging hoch her und alle waren lustig und vergnügt. In ihrem Übermut kamen einige Bauern auf den Gedanken, mit Würsten, Broten und Kuchen zu kegeln. Bevor sie damit begannen, ermahnte sie ein Geist, der in Gestalt eines alten Mannes bei dem Fest auftauchte. Er forderte sie auf, diesen Frevel zu beenden. Die Bauern hörten aber nicht auf ihn und verspotteten den alten Mann. Zur Strafe wurden darauf alle Festteilnehmer in Steine verwandelt (Großer Steintanz).
In der Nähe des Festplatzes hütete ein Schäfer mit seinem Hund eine Herde Schafe. Er hatte dem Festgeschehen zugeschaut, sich aber nicht an dem Kegelspiel beteiligt. Er war dann von dem alten Mann aufgefordert worden, sofort mit seinen Schafen zu fliehen und sich dabei nicht umzusehen. Der Schäfer befolgte den Rat des Geistes. Als er dann schon ein Stück vom Festplatz fort war, ließ ihn die Neugier nicht ruhen. Um das Verbot sich umzudrehen, zu umgehen, bückte er sich und sah zwischen seinen Beinen durch. Im gleichen Augenblick wurden er, sein Hund und die Herde auch zu Stein (Kleiner Steintanz).

In der Johannisnacht eines jeden Jahres (24. Juni) soll aus dem dreizehnten Loch der Brautlade ein roter Faden heraushängen. Ein Jüngling, der den Mut hat, ihn herauszuziehen, kann alle Hochzeitsteilnehmer erlösen und den Schatz, der in der Brautlade liegt, behalten.

Und dann ist da noch der vierte Steinkreis, auf der anderen Seite des Wanderweges, der an der Anlage vorbeiführt. Um ihn aufzuspüren müssen wir unsere Schritte in den Wald hinein lenken, vorbei an einem Graben. Ein paar Schritte nach links, an der Südseite dieses Hohlweges, treffen wir auf Steinkreis Nummer Vier, der Sage nach eben jener, in den sich der Schäfer samt Hund und Herde beim zurückblicken auf das frevelhafte Treiben verwandelte. Der „Schäfer“ selbst, so heißt es, wurde in Boitin in die Schwelle einer Scheune eingearbeitet. Den „Hund“ aber ist etwa hundert Meter vom eigentlichen Steinkreis zu entdecken.

Die Vorstellung, dass es sich bei Steinkreisen um versteinerte Menschenansammlungen handelt, ist weit verbreitet. Einer meiner liebsten Steinkreise sind die Piper Stones von Athgreany in Irland. Auch hier wird erzählt, dass sich die Bewohner des Dorfes am Sonntag zum Klang eines Pfeifers vergnügten – und zur Strafe in Steinblöcke verwandelt wurden. Für mich spiegelt sich dahinter noch eine andere Vorstellung: Der Kreis der Tanzenden erinnert mich an die überall auf der Welt praktizierten Kreistänze, auch Reigen genannt. Das Tanzen im Kreis ist seit der Antike belegt und taucht dort vor allen Dingen in kultischen Zusammenhängen auf. Dabei wurde zum Tanz stets auch gesungen, eine Tradition, die sich bis ins Mittelalter erhalten hat. Noch heute wird auf den Färöern ein Tanz in dieser Art praktiziert, bei dem ein Vorsänger eine Ballade anstimmt, zu der sich in einer recht eintönigen Schrittfolge die Tanzenden sich an den Händen haltend bewegen, um dann an den entscheidenden Stellen die Erzählung durch Mimik und Gestik, Jubel und Trubel zu illustrieren. Das Spannende: Die färingischen Kettentänze werden entgegen des Uhrzeigersinns ausgeführt, also entgehen des Sonnenlaufs – etwas, das im Mittelalter in Europa verboten war, denn links herum zu tanzen galt als Zeichen des Bösen und Merkmal der Hexentänze. Doch das nur am Rande.

Steinkreise und insbesondere der eben auch seit wenigstens 1765 so angesprochene „Steintanz von Boitin“ scheinen gerne mit dieser Art des Reigen in Verbindung gebracht zu werden. Zieht man die christlich-moralische Bewertung der Sagen und Legenden ab, könnte dies ein Hinweis auf einen kultischen Hintergrund dieser Denkmäler sein. Ich denke auch an die Vorstellung, wie sie in keltischen Mythologien immer wieder anzutreffen ist, dass Elfen und Feen in Kreisen auf Waldlichtungen tanzen, um den unbedarften Wanderer, der sich von diesem Reigen angezogen fühlt, in ihrer Mitte einzuschließen. Für ihn vergehen dann Minuten, die er in wildem Tanz mit den Wesen aus der Anderswelt verbringt, doch wenn er dann aus der Trance erwacht, sind Jahre in der Außenwelt vergangen …

Ein Steinkreis grenzt einen heiligen Bezirk ab, wobei ich nicht genau definieren möchte, was unter „heilig“ letztlich zu verstehen sei. Doch jeder, der einen Steinkreis betritt, wird merken, dass der Platz, auf dem Kreis errichtet wurde, nicht willkürlich gewählt wurde. Manchmal habe ich den Eindruck, als ob bestimmte Kräfte, welche die Landschaft hier prägen, eingefangen werden sollen, vielleicht um sie nutzbar zu machen oder einfach auch nur, um sie zu konzentrieren – vielleicht auch, um den Unbedarften abzuhalten. Möglicherweise tanzten die Menschen hier auch im Kreis um solche Stellen, ob zum Vergnügen oder wahrscheinlicher zu kultischen Zwecken. Welche Lieder mögen sie dabei gesungen haben? Welche Zustände mögen sie erlebt haben?

Was auch immer wir Heutigen empfinden mögen beim Besuch einer solchen Stätte, die gut und gerne ihren Ursprung im 2 Jahrtausend v.Chr. gefunden haben könnte, wir müssen damit fertig werden, dass sich die wahre Bedeutung dieser Anlage für immer entziehen wird. Und das ist gerade das, was sie so faszinierend macht, denn ein Besuch beim Steintanz von Boitin führt uns zurück in eine Zeit vor der Zeit, eine Epoche, die uns viele Rätsel hinterlassen hat und Geheimnisse, die wir wohl nie ergründen werden – wir stehen davor und staunen. Wir können sie greifen – aber begreifen werden wir sie nie.

Share
Mit den STADTSPÜRERN durch das Mystische München:

Antwort eingeben

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.