In den Schwarzen Bergen auf Rügen

Foto: Christopher Weidner

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In der Nähe von Ralswiek auf der Insel Rügen befindet sich ein dicht bewaldetes, hügeliges Gelände, das “Schwarze Berge” genannt wird. Dieser Name rührt wohl von dem Umstand her, dass sich hier in frühen Zeiten Begräbnisstätten befanden, vielleicht weil hier die Toten verbrannt wurden oder weil diese Stätten zugleich der dunklen Göttin Hel geweiht waren, der Herrin der Unterwelt, aus deren Namen später die christliche Hölle wurde. Tatsächlich befinden sich hier etwa vierhundert, bis zu zwei Meter hohe Hügelgräber. Früher muss diese Gegend waldlos gewesen sein, ein Gräberfeld und eine heilige Stätte zugleich.

Ausgrabungen legen Zeugnis ab von den Bestattungssitten des 10./11. Jahrhunderts, zu einer Zeit also, in der Ralswiek ein bedeutendes Handelszentrum auf der Insel war. Offensichtlich wurden die Leichname von Frauen, Kindern und Männern in nahe gelegenen Scheiterhaufen verbrannt und dann die Asche in Keramikgefäßen beigesetzt, zusammen mit ebenfalls verbrannten Beigaben wie Lebensmitteln, welche die Toten auf ihrer Reise in die Unterwelt begleiten sollten. Ein Grab auf dem nördlichen Ausläufer des Gräberfeldes enthielt keine verbrannten Leichen, sondern vermutlich in Holzsärgen bestattete Körper. In einem anderen fand man eine große Anzahl von Nieten und Nägeln, was den Schluss zulässt, dass hier seetüchtige Boote während einer Bestattungzeremonie verbrannt wurden.

Foto: Christopher Weidner

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Schwarze Berge – ich betrete das Land der dunklen Hel. Und tatsächlich – die Insel der weißen Kreidefelsen zeigt hier ein anderes Gesicht, ein dunkles und geheimnisvolles. Der dichte Wald umschließt mich bald und die Wege, die ich gehe, verlieren sich an vielen Stellen im Unterholz, führen über kleine Lichtungen und verschwinden unter abgebrochenem Holz, um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Mehrmals habe ich den Eindruck, mich zu verirren, um dann doch wieder das Wasser des Großen Jasmunder Bodden zwischen den Bäumen schimmern zu sehen. Immer wieder nähere ich mich der steil abfallenden Böschung und blicke auf die Bucht. Doch es ist wie ein Blick aus weiter Ferne – hier in den Schwarzen Bergen schaue ich aus einer anderen Welt in die Welt des Alltäglichen hinüber. Dann lasse ich mich einfach treiben und höre auf, mich orientieren zu wollen. Ich folge den Sonnenstrahlen, die durch das Laub fallen, einem Rascheln im Gras, der Spur einer Ameisenstraße – oder einfach nur dem Gefühl. Es ist unheimlich und heimlich zugleich, wie mich hier die Natur umgibt, aber es ist mehr als nur die Gegenwart der Bäume und des Lebens hier im Wald. Es ist die Präsenz einer schützenden, aber auch gewaltigen Macht, die ich hier spüre. Ein Kraft, die mich hält und zugleich immer wieder erschauern lässt. Manchmal blicke ich mich um, fühle mich beobachtet – war da nicht ein Schatten zwischen den Baumstämmen? Hörte ich nicht ein Raunen? Doch dann wieder fühle ich mich geschützt und geborgen wie selten – ein Wechselbad der Eindrücke.

Künstler: Johannes Gehrts

nach Johannes Gehrts

Ich bin sicher, dass ich so manches Hügelgrab gestreift habe, aber entdeckt habe ich keines. Um ehrlich zu sein: ich habe auch aufgehört, danach zu suchen. Kaum ein Ort der Kraft hat mich so sehr beeindruckt wie dieser. Das Numinose, die Anwesenheit des gestaltlosen Göttlichen steht im Zentrum dieser Erfahrung.

Hel – die Herrin der Schwarzen Berge – ist ein unheimliche Göttin und ihr Helheim, ihr Reich, ein unwirtlicher Ort, so berichten es die Mythen. Doch was ich hier erlebe ist weit davon entfernt, die “Hölle” zu sein, zu dem in der christlichen Version das Reich der Hel wurde. Hier fühle ich mich eher versetzt in das Reich der Holle, der Frau Hulda – ein weiteres Gesicht der Hel, das uns die Märchen überliefern. Auch sie berichten von einer unheimlichen Frau “mit großen Zähnen”, und doch ist sie voller Güte und Gerechtigkeit, kein Ungeheuer, sondern eine Macht, die über Leben und Tod herrscht, über das Werden und Vergehen der Jahreszeiten, über Sommer und Winter, über Geburt und Tod. Sie ist die Spinnerin, die den Faden des Lebens spinnt – und ihn wieder abschneidet. Ihr Reich ist die Anderswelt, und dieses Reich kann sehr dunkel sein und abwesend sein, doch nur für diejenigen, die das Licht höher schätzen als das Dunkle. Dabei ist Licht ohne Schatten genauso tot wie totale Finsternis. Das Schattige, Zwielichtige ist es, das Leben kennzeichnet, die Grautöne, das Vielschichtige, Uneindeutige.

Haben Sie schon einmal einen Gegenstand betrachtet, der von allen Seiten voll ausgeleuchtet wird, der gewissermaßen keine Schatten auf seiner Oberfläche trägt? Er wirkt leblos. Erst wenn der Schatten bringt das Leben. Und genau hier in den Schwarzen Bergen begegne ich dem Schatten des Lebendigen, dem notwendigen Dunklen, das das Licht erst erstrahlen lässt. Leben und Sterben sind hier verwoben zu einer unauflöslichen Textur.

Ich verstehe, warum die Menschen dieser Erfahrung so viel Ehre und so viel Furcht entgegenbrachten. Die Schwarzen Berge sind kein Wohlfühlkraftort. Sie betonen die dunkle Seite des Lebens, eine Seite, die wir vielleicht nur mit Unbehagen wahrnehmen, weil sie im Alltag kaum eine Rolle spielen. Doch hier in der Anderswelt der Heil ist der Schatten wirklicher als das Licht – und lebendiger.

Irgendwann stolpere ich förmlich aus dem Wald heraus – die Schwarzen Berge spucken mich aus. Nachdenklich kehre ich zurück, aber ich folge dabei lieber dem Weg parallel zur Bundesstraße. In mir aber hat sich eine dunkle Seite aufgetan – und diese fühlt sich ungewöhnlich lebendig an.

Stadtspaziergänge, Workshops und Vorträge mit Christopher A. Weidner:

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