Die Heilige Lüfthildis zu Lüftelberg

Foto: Christopher Weidner

Foto: Christopher Weidner

Viel wissen wir nicht über diese Lokalheilige am Rande der Eifel. Die fromme Frau soll im 9. Jahrhundert in Berge im Kottenforst nahe Bonn gelebt haben. Eingedenk des Wirkens der Heiligen wurde dieser Ort in Lüftelberg umbenannt und ist auch heute noch unter diesem Namen etwa 2,5 Kilometer nordwestlich von Meckenheim zu finden. Die frühesten Aufzeichnungen über ihr Wirken sind uns allerdings erst aus dem 12. Jahrhundert überliefert und erst im 17. Jahrhundert wurde ihre Vita aufgezeichnet.

Darin wird die Geschichte der Tochter des wohlhabenden Burgherren von Berge erzählt, die sich durch ihre besondere Frömmigkeit auszeichnete. Sie half den Armen und Kranken von Jugend an und scheute sich nicht, trotz ihrer vornehmen Herkunft, sich um diejenigen zu kümmern, die es nicht so gut getroffen hatten wie sie selbst. Wie es das Schicksal so wollte, verstarb ihre Mutter – und ihr Vater nahm sich eine neue Frau. Ihre Stiefmutter aber hatte ein böses Herz und wie im Märchen von Aschenputtel ließ sie keine Gelegenheit aus, um die Gute zu demütigen: Lüfthildis musste niedere Arbeiten verrichten und fand keine Ruhe vor der Niedertracht der neuen Burgherrin. Diese wurde auch nicht müde, sich immer neue Gemeinheiten auszudenken und schwärzte schließlich Lüfthildis ihrem Vater gegenüber an, durch ihre Wohltätigkeit das Hab und Gut der Familie zu verschleudern.

Lüfthildis Vater war sich unsicher, wem er glauben schenken sollte, und beschloss der Sache selbst nachzugehen. Als seiner Tochter wieder einmal Laiber von Brot in ihre Schürze packte, um sie an die Armen zu verschenken, lauerte er ihr auf und stellte sie zur Rede. In diesem Augenblick geschah das Wunder: die Brote in ihrer Schürze verwandelten sich Kohlen – und Lüfthildis konnte keine Verschwendung nachgewiesen werden.

Die böse Stiefmutter aber ärgerte sich über die Maßen, dass Lüfthildis davon gekommen war und sann auf Rache. Sie ließ den Bäcker kommen, bei dem das Mädchen sich das Brot holte, und befahl ihm bei seinem Leben das nächste Mal glühende Kohlen in die Schürze zu kippen. Voller Furcht tat der Bäcker wie ihm geheißen – doch wieder geschah ein Wunder: diesmal verwandelten sich die Kohlen in Brot, und Lüfthildis geschah kein Leid.

Quelle: Magdalene Frank

Quelle: Magdalene Frank

Die Heilige Lüfthildis trägt eine silberne Spindel in der Hand, manchmal auch einen Ginsterzweig – ein für Eifel typisches Gewächs. Mit dieser Spindel vollbrachte sie allerlei Wunder: so soll sie einen Grenzstreit zwischen ihrem Vater und dem Nachbarn aus der Gemeinde Röttgen dadurch geschlichtet haben, dass sie mit besagter Spindel die Grenze zog, die sich hinter ihr in einen tiefen Graben verwandelt hat, der noch heute im Kottenforst zu sehen ist. Ein andermal heilte sie mit der Spindel Karl den Großen, der auf der unweit gelegenen Burg Münchhausen krank danieder lag. Da keine Ärzte ihn zu retten vermochten, eilte man auf Geheiß des Kaisers, um die wundertätige Heilige zu holen. Zwei Ritter fanden Lüfthildis am Spinnrad arbeitend, wo sie gerade für die Armen Kleider spann. Ohne Zeit zu verlieren, ließ sie sich ans Bett des Kranken bringen – die Spindel noch in der Hand. Da ertönte eine Stimme aus dem Himmel, die ihr befahl, den Kaiser mit der Spindel zu berühren. Kaum hatte sie dies getan, war derselbe auch schon wieder gesund.

Später hat sich Lüfthildis als Einsiedlerin zurückgezogen. Kurz vor ihrem Tod verschenkte sie all ihr Hab und Gut an die Bedürftigen – mit Ausnahme der wundertätigen Spindel, mit der sie beerdigt wurde. Noch heute ist ihr Grab zu besichtigen in der Kirche St. Peter zu Lüftelberg und wird auf Wallfahrten besucht.

Die Geschichte der Lüfthildis trägt viele märchenhafte Züge. Wer denkt nicht bei der Spindel an Frau Holle oder an Dornröschen? Auch der Konflikt zwischen böser Stiefmutter und gedemütigter Tochter ist aus Märchen wie Aschenputtel und Frau Holle bekannt. Tatsächlich ist die Spindel ein bekanntes Attribut der Frau Holle in ihrer Gestalt als Spinnstubenfrau. So wird berichtet, dass sie regelmäßig Spinnerinnen bei ihrer Arbeit prüft und sie im Zweifelsfalle für Schlampigkeit und Nachlässigkeit bei der Arbeit zur Rechenschaft zieht – ganz wie die Frau Holle aus dem bekannten Grimm’schen Märchen. Ihre Erscheinung ist jedoch vielfältiger als das aus dieser Erzählung bekannte Mütterchen:

Sie taucht als verschleiertes Geisterwesen in einem langen weißen Gewand ebenso auf wie als eine auf einem Stein sitzende Fee, die zauberhaft singt und ihre goldenen Haare kämmt. Frau Holle reitet außerdem auf einem edlen Pferd oder reist auf ihrem Wagen über den Himmel. Dann stürmt sie wieder in wilder Jagd über Berg und Tal und ihr wildes Geschrei erfüllt die Lüfte und versetzt Mensch und Tier in Schrecken. Als kleinem buckligen Mütterchen mit grauen Haaren, glühenden Augen und feurigem Mund mit langen Zähnen kann man ihr begegnen, und wer sich nicht vorsieht, dem springt sie auf den Rücken und lässt sich bis zur Erschöpfung herumtragen. In vielen Gegenden des deutschsprachigen Raumes ist sie bekannt – nicht nur als Frau Holle, sondern auch als „Frau Percht“, „Berchta“ oder „Bertha“ im südlichen Deutschland und im Norden als „Frau Gode“,  „Frau Herke“ oder „Frau Frecke“.

Hinter der Gestalt der Frau Holle, der „holden Frau“, wird gerne die germanische Göttin Freya vermutet, die wiederum mit der lateinischen Venus verwandt ist. Sie ist die „herrlichste aller Asinnen“ – die Asen sind in der nordischen Mythologie ein Göttergeschlecht – und wird gerne in Liebesdingen angerufen. Berühmt ist sie für ihre magischen Kräften – kurz: sie ist eine strahlende Erscheinung.

Umso interessanter ist es an dieser Stelle den auf den ersten Blick doch recht eigenartigen Namen „Lüfthildis“ genauer unter die Lupe zu nehmen, der auch in Varianten wie Luchteld, Leuchteldies, Luthild und Linthildis überliefert wird. Der zweite Teil des Namens „-hild“, der aus vielen deutschen Namen bekannt ist wie Brunhild, Hilde, Mechthild usw., leitet sich ab vom althochdeutschen „hilta“ und bedeutet so viel wie „Kämpferin“. Der erste Teil des Namens ist hingegen nicht ganz eindeutig: so könnte es sich um eine Ableitung des althochdeutschen „liuti“ für „Leute, Volk“ handeln. Demnach wäre Lüfthildis eine „Kämpferin des Volkes“ gewesen. Möglicherweise, und dies erscheint mir passender, leitet es sich von althochdeutsch „liohta“ ab: „Licht, hell, klar“ – Lüfthildis, die „leuchtende Kämpferin“.

Haben wir es in der Heiligen Lüfthild mit einer christianisierten Version der Frau Holle alias Freya zu tun? Denkbar wäre es. Die Spindel, der Name – alles dies könnte auf einen solchen Hintergrund verweisen. Zumindest können wir annehmen, dass in der Verehrung der Heiligen und ihren Wundertaten sich die Mythologie der „holden Frau“ überliefert hat.

Aus dieser Perspektive wird die Spindel zu einem Instrument, dass in der Mythologie vieler Kulturen einen besonderen Stellenwert einnimmt: als Spindel, auf den der Lebensfaden gespannt ist. Es sind die Moiren in der griechischen Mythologie und eben Frau Holle in der germanischen, die als Herrinnen des Lebensfadens auch die Göttinnen über Leben und Tod sind.

Foto: Christopher Weidner

Foto: Christopher Weidner

Dies führt mich zur alten Peterskirche in Lüftelberg zurück. Auf der Südseite der Kirche entdecken wir eine stattlich gewachsene alte Thuje, auch Lebensbaum genannt. Auch wenn dieser Baum nicht zu den traditionellen einheimischen Gehölzen gehört, hat er  doch in unseren Breiten seit dem 16. Jahrhundert seine Verbreitung gefunden, insbesondere als Heckenpflanzen treffen wir ihn sehr häufig an. Diese in Form gebrachte Variante lässt kaum vermuten, dass dieser Baum eine solche Höhe erreichen kann: hier wird erst sichtbar, was für ein wunderbares, gerade gewachsenes und festes Holz die Thuje besitzt. „Lebensbaum“ – wohl wegen seinen immergrünen Nadeln wird die Thuje so genannt: sie stammt aus der Familie der Zypressen, woran ihre hohe, schlanke Gestalt erinnert. Insofern steht sie wohl auch von der Symbolik her in der Tradition dieses mediterranen Nadelbaumes. Wie ein Zeigefinger erhebt sie sich gen Himmel, verbindet ihn mit der Erde. So wurde die Thuje auch zum Friedhofsbaum, denn sie erinnert an die Heimkehr der Seele in den Himmel und durch ihr immergrünes Kleid an das ewige Leben. Der Lebensbaum ist also eigentlich ein Todesbaum, der den chthonischen Gottheiten geweiht ist, allen voran Pluto, dem Gott der Unterwelt. Und erinnert nicht ihre Gestalt ein wenig an eine Spindel?

Wenn wir um die Kirche herum gehen, treffen wir auf einen weiteren Baum – am nordwestlichen Eck der Kirche steht eine Linde. Wenn die Thuje den Tod und das ewige Leben verkörpert, dann steht die Linde für das Leben im Hier und Jetzt. Ihre herzförmigen Blätter, ihr sanftes Grün und ihr freundlicher Ausdruck machten die Linde zu einem der beliebtesten Bäume in unseren Landen und wir finden sie immer wieder an exponierter Stelle als Dorflinde, Gerichtslinde, Tanzlinde – ein Ort der Begegnung also, des Ausgleichs und der Freude. Die Linde ist der Göttin Freya heilig – und damit schließt sich der Kreis um die alte Peterskirche in Lüftelberg: Leben und Tod, Diesseits und Jenseits bilden die Pole, in denen dieser Ort der Kraft gebettet ist.

Wer die Kirche wenigstens einmal umwandert und dabei sowohl an der Thuje als auch an der Linde kurz innehält, bevor er in die Seitenkapelle selbst eintritt, um das Grab der Heiligen Lüfthild mit seiner schlichten, schönen Grabplatte aus Kalksinter, einst Teil der von den Römern erbauten Wasserleitung nach Köln, zu besuchen, tankt von den Kräften des Werdens und Vergehens – eine wundervolle Weise sich vorzubereiten.

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