Auf dem Ilsenstein

Welchen Weg kommst du her? – Übern Ilsenstein! Da guckt’ ich der Eule ins Nest hinein. Die macht’ ein Paar Augen!
Faust I, Walpurgisnacht. Johann Wolfgang von Goethe

Auf ihrem Walpurgisnacht-Flug zum Brocken kamen Goethes Hexen an ihm vorbei, dem sagenumwobenen Ilsen- oder Ilsestein, der sich unweit der Stadt Ilsenburg wie ein Klippe über das Wipfelmeer des Nordharzes erhebt. Rund 150 Höhenmeter muss der Wanderer überwinden, will er diesen Aussichtspunkt erreichen. Doch der Aufstieg wird mit einem grandiosen Ausblick belohnt: Im Süden erhebt sich die baumlose Kuppe des Brocken, während von unten im Tal die Ilse heraufrauscht, sich ihren Weg nordwärts in den Felsen grabend.

Hier stand einst eine Trutzburg, vor tausend Jahren, so viel weiß man. Nur hundert Jahre hatte sie Bestand, aber ihre Lage konnte rekonstruiert werden. Heute ist davon nicht mehr viel zu erkennen, doch die Sagen, die sich um diesen Ort ranken, haben nichts vergessen.

Das Schloss eines Harzkönigs, so erzählt man, stand hier vor Zeiten, und der hatte eine über alle Maßen schöne Tochter namens Ilse. Unweit hatte eine Hexe ihre Hütte, deren Tochter aber unglaublich hässlich war. Während die schöne Ilse von unzähligen Freiern regelrecht belagert wurde, würdigte die Tochter der Zauberin keiner eines Blickes. Diese Ungerechtigkeit erzürnte die Hexe so sehr, dass sie über das Schloss einen Fluch aussprach und es in einen Felsen verwandelte, mitsamt aller Bewohner, die nun in den Felsen eingeschlossen sind und keinen Ausweg finden können. Nur die schöne Ilse kann durch eine nur für sie sichtbare Türe jeden Morgen ins Freie treten, um ein Bad in dem nach ihr benannten Fluss zu nehmen. Glücklich, wer sie zu Gesicht bekommt, denn der darf sie in ihr verzaubertes Schloss begleiten und wird dort fürstlich bewirtet und mit Kostbarkeiten belohnt. Doch die Ilse beim Baden zu beobachten wird durch den Zauber der Hexe erschwert, denn die hat es so eingerichtet, dass sie nur an ganz wenigen Tagen des Jahres für Sterbliche sichtbar wird. Und nur derjenige kann sie vom Fluch erlösen, der mit ihr zur gleichen Zeit im Fluss badet und zudem ihr an Schönheit und Tugend gleicht.

Eine andere Sage berichtet: Dem Ilsenstein gegenüber befindet sich eine ähnliche Felsenformation, und es heißt die beiden hingen ursprünglich zusammen. Als die Sintflut den Harz erreichte, floh ein Liebespaar vor den heranrollenden Fluten auf den Brocken. Am Ilsenstein spaltete sich der Boden unter ihren Füßen und drohte sie auseinanderzureißen. Doch die beiden klammerten sich aneinander und stürzten eng umschlungen in die Fluten. Die Jungfrau hieß Ilse und noch heute, so heißt es, schließt sie jeden Morgen den Felsen auf, um sich im Fluss am Fuße der Klippe zu baden.

Einer andere Sage nach lebte auf dem Felsen ein Riese mit seiner Tochter Ilse. Diese hatte sich unsterblich in den Ritter auf dem gegenüberliegenden Westerberg verliebt – was ihrem Vater aber ganz und gar nicht gefallen wollte. Der Felsen und der Westerberg waren damals noch nicht durch das Ilsetal voneinander getrennt. Ilses Vater nun schlug die Felsen kurzerhand entzwei, um einen unüberwindlichen Graben zwischen die Liebenden zu fügen. Verzweifelt stürzte sich Ilse in die Fluten des Flusses, der sich am Grunde des Tales gebildet hatte, der seit diesem Tage ihren Namen trägt. Als Jungfrau erscheint sie nun an manchen Tagen, legt ihr weißes Kleid ab, um nackt in den Fluten zu baden, um dann wieder in ihr Kristallschloss im Felsen zu verschwinden. Der arme Ritter soll übrigens ebenso als trauernder Prinz im Westerberg eingeschlossen sein.

Einst hatte ein Köhler das Glück Ilse zu sehen. Die wunderschöne Frau winkte ihn heran, nahm seinen Ranzen, verschwand in den Felsen und kam bald wieder mit ihm heraus, mit dem Hinweis, erst in den Ranzen zu blicken, wenn er die Haustüre hinter sich geschlossen hätte. Daraufhin verschwand sie. Der Köhler machte sich auf den Heimweg – und der Sack wurde immer schwerer und schwerer. Als er an die Ilsenbrücke kam, hielt er es nicht mehr, setzte den Ranzen ab und warf einen Blick hinein – da waren nur Tannenzapfen und Eicheln darin! Missmutig begann er den Inhalt in den Fluss zu kippen. Doch kaum berührten die Früchte des Waldes das Wasser, verwandelte sich alles in pures Gold, dass in den tosenden Fluten verschwand. Schnell zog er den Ranzen wieder zurück, aber nur ein kleiner Rest war noch darin. Dieser verwandelte sich wie versprochen nach seiner Heimkehr in Gold – und war immer noch so viel, dass er sich ein kleines Bauerngut davon kaufen konnte.

Nicht immer ging die Begegnung mit der Wasserfee gut aus. Ein Schäfer hatte sich die sagenumwobene Springwurzel besorgt, die, wie man weiß, mit wundersamen Kräften ausgestattet ist und unter Anderem alle Türen öffnen kann. So gelangte er in das Zauberreich der Prinzessin Ilse und stopfte sich doch die Taschen mit Gold voll. Doch auf dem Rückweg aus dem Felsen verlor er die Wurzel – und der Felsen schloss sich über ihm und begrub ihn für immer. Ein Pferdebursche gelangte zwar ebenso unversehrt ins Schloss, schaffte jede Menge Gold in seine Tasche, blickte aber zu früh in den Beutel – und fand nur Pferdemist …

Ilse, die Wasserfee, eine Art Undine des Harz also, erschien auch einigen durchlauchten Herrschaften, unter Anderem dem altsächsischen Kaiser Heinrich IV. Mit ihr soll er einige schöne Stunden in ihrem verwunschenen Felsenschloss verbracht haben. Heinrich Heine verlieh den erotischen Fantasien auf seiner Harzreise dichterische Gestalt:

Ich bin die Prinzessin Ilse,
Und wohne im Ilsenstein;
Komm mit nach meinem Schlosse,
Wir wollen selig sein.

Dein Haupt will ich benetzen
Mit meiner klaren Well‘,
Du sollst deine Schmerzen vergessen,
Du sorgenkranker Gesell!

In meinen weißen Armen,
An meiner weißen Brust,
Da sollst du liegen und träumen
Von alter Märchenlust.

Ich will dich küssen und herzen,
Wie ich geherzt und geküßt
Den lieben Kaiser Heinrich,
Der nun gestorben ist.

Es bleiben tot die Toten,
Und nur der Lebendige lebt;
Und ich bin schön und blühend,
Mein lachendes Herze bebt.

Und bleibt mein Herz dort unten,
So klingt mein krystallenes Schloß,
Es tanzen die Fräulein und Ritter,
Es jubelt der Knappentroß.

Es rauschen die seidenen Schleppen,
Es klirren die Eisensporn,
Die Zwerge trompeten und pauken
Und fiedeln und blasen das Horn.

Doch dich soll mein Arm umschlingen,
Wie er Kaiser Heinrich umschlang;
Ich hielt ihm zu die Ohren,
Wenn die Trompet‘ erklang.

Abseits der Sagen und Legenden bietet dieser Ort dem schauenden Herzen das Gefühl, hier wirklich einen besonderen Ort der Kraft zu betreten. Auch wenn der Platz heute von einem eisernen Kreuz überragt wird, das Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode am 18. Oktober 1814, ein Jahr nach der Schlacht bei Möckern, errichten ließ, und das ein wenig die Stimmung verfremdet, ist spürbar, dass es sich um einen Ort handelt, den sicherlich Menschen schon immer gerne aufsuchten, vielleicht um dort dem, was ihnen an der Natur und in ihrem Leben heilig war, näher zu sein. Der vollkommene Platz für ein Ritual.

Ich beschließe meine Gedanken mit den profanen, aber wahren Worten Heines:

Ich rate aber jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an Kaiser und Reich, noch an die schöne Ilse, sondern bloß an seine Füße zu denken. Denn als ich dort stand, in Gedanken verloren, hörte ich plötzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses, und ich sah, wie sich die Berge ringsum auf die Köpfe stellten, und die roten Ziegeldächer zu Ilsenburg anfingen zu tanzen, und die grünen Bäume in der blauen Luft herum flogen, daß es mir blau und grün vor den Augen wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfaßt, in den Abgrund gestürzt wäre, wenn ich mich nicht in meiner Seelennot ans eiserne Kreuz festgeklammert hätte. Daß ich, in so mißlicher Stellung, dieses letztere gethan habe, wird mir gewiß niemand verdenken. Heinrich Heine, Harzreise.

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