Der Merseburger Dom (1)


Foto: Christopher Weidner

Merseburg – der Name der Stadt wurde noch bis in die Renaissance hinein als “Burg des Mars” gedeutet, eine Stadt also geweiht dem Kriegsgott Mars. Sehr viel wahrscheinlicher ist zwar, dass sich der erste Teil des Namens der Stadt von dem altsächsichen Wort meri für “Sumpf” ableitet, denn die Stadt liegt dort, wo sich das Flüsschen Geisel in die Saale ergießt, ein in früheren Zeiten sicherlich sehr wasserreiches Gebiet. Das Gebiet wurde wohl schon sehr früh besiedelt, doch erste urkundliche Erwähnung findet die Stadt im 9. Jahrhundert – wir betreten also frühmittelalterlichen Grund. Im 11. Jahrhundert errichtete Thietmar von Merseburg den heute weltberühmten Dom, der einige der bedeutendsten Meisterwerke des Mittelalters und späterer Epochen beherbergt.

Genau dort, wo sich Langhaus und Querhaus der Kirche kreuzen, im Mittelpunkt der so genannten Vierung und damit an der wichtigsten Stelle überhaupt im ganzen Gebäude, befindet sich die bronzene Grabplatte Rudolfs von Schwaben, das wohl älteste erhaltene Bildnisgrabmal. Ursprünglich vergoldet und mit Edelsteinen besetzt muss einen tiefen Eindruck auf die Besucher der Kirche gemacht haben, wenn das Licht der Sonne durch die Fenster im Chor es in vollem Glanze erstrahlen ließ.

Fast wie ein Heiliger liegt Rudolf da, einst Gegenkönig Heinrichs IV. und seinen Verletzungen nach der verlorenen Schlacht an der Elster im Jahre 1080 erlegen. “Der Tod ward ihm Leben. Für die Kirche ist er gefallen” – so preisen ihn die Majuskeln auf der glatt polierten Grabplatte. Seine rechte Hand hatte er in der Schlacht verloren, die Hand, mit der er einst Heinrich die Treue geschworen hatte – ein Gottesurteil, so sahen es die Zeitgenossen. Doch noch nach seinem Tod wurde er wie ein König gefeiert, und so liegt er hier mit den Insignien der königlichen Macht: Reichsapfel, Zepter und Bügelkrone.

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Foto: Michail Jungierek

Diese Stelle ist die kraftvollste in der ganzen Kirche. Folgen Sie dem Blick des starr da liegenden Königs mit seinem strengen und freudlosen Gesicht und beobachten Sie, wie sich hier die Kraft bündelt. Was sieht er von dort aus, wohin schweift sein Blick? So kraftvoll der Ort, so wenig einladend ist es, dort länger zu verweilen – leicht bekomme ich den Eindruck, das hier das Erhabene sich mit dem Bedrückende mischt.

Im nördlichen Querschiff führt eine Treppe hinab in die Krypta, dem ältesten erhaltenen Teil der Kirche und ein stiller Ort, dessen Atmosphäre die aufwühlende Kraft unmittelbar über unseren Köpfen dämpft und ausgleicht. Drei Pfeilerpaare gliedern die Halle, in welcher die Energie sanft und doch bestimmt schwingt. Die Akustik dieses Raumes ist fantastisch: bei geöffneten Seitentüren dringt der Gesang des dort singenden Chores bis in das Kirchenschiff und füllt den Dom mit Klang – ohne dass wir wüssten, woher der Gesang seinen Ursprung nimmt. Unser Augenmerk gilt aber weniger diesem Umstand. An der Westseite des Raumes beleuchten Kerzen eine Kammer, deren ursprüngliche Funktion ein Geheimnis ist – in späteren Zeiten wurden hier immer wieder Reliquien aufbewahrt. Wer seine Scheu überwindet und den Raum dort betritt, wird etwas Überraschendes entdecken: direkt über dem Eingang erhebt sich die segnenden Hand Gottes vor dem Hintergrund eines Kreuzes. “Möge dich diese Hand davor bewahren, Unrecht zu begehen.”, kündet eine nur in Bruchstücken überlieferte Inschrift.

Die Hand, die Unrecht getan hat – sie befindet sich über uns, denn unmittelbar im Anschluss an diese Kammer befindet sich die Grablege Rudolfs. So findet der Ausgleich zwischen Recht und Unrecht an der gleichen Stelle statt. Die rechte Hand – das ist die Hand, die Rechtes und Gutes tut. Mit ihr steuern wir unser Leben (sofern wir Rechtshänder sind), sie reichen wir zur Begrüßung, sie erheben wir, um ein Zeichen zu geben, und mit ihr segnen wir. In vielen Sprachen existiert die Gleichsetzung dieser Richtung mit “richtig” und mit “Recht”, wie im Französischen droit, im Englischen right und im Spanischen derecha. Die rechte Hand kann etwa Recht machen. Sie kann das Ungerade zurecht rücken, kann Unrecht ausgleichen.

Vielleicht wird das Unrecht, das wir begangen haben, ob wissentlich oder unwissentlich, immer wieder ausgeglichen. Tief in uns gibt es eine Instanz, an einem heiligen inneren Ort, an dem dies geschieht, an dem wir gesegnet sind und an dem unsere guten Absichten wohnen. Vielleicht begehen wir an der Oberfläche unserer Existenz, dort wo wir die Würden unseres Lebens tragen, Funktionen erfüllen und uns oft genug in ein Dilemma begeben müssen und uns entscheiden müssen, welchem Herrn wir dienen wollen, Fehler. Doch unter dieser Oberfläche gibt es diese Gewissheit, dass wir es gut gemeint haben. Vielleicht blicken wir, so wie Rudolf, mit den Augen nach oben, weil wir dort den Richter vermuten (und wohl auch finden), der uns für unser Unrecht bestraft. Doch in uns gibt es eine segnende Hand, die uns hält und trägt und uns verziehen hat, noch bevor wir überhaupt so etwas wie eine Verfehlung begangen haben. Das ist das wahre Gottesurteil: wir sind in unserem Herzen allesamt unschuldig und aus unserem Herzen schöpfen wir immer wieder neue Unschuld.

Mich erinnert das Wechselspiel zwischen Vierung und Krypta des Merseburger Doms an die Augenblicke meines Lebens, in denen ich gefehlt habe, in denen ich Dinge getan habe, die Unrecht waren. Ich habe Versprechen gebrochen, Erwartungen enttäuscht, die Lüge der Wahrheit vorgezogen. Was habe ich dadurch beschützen wollen? Worum ging es mir wirklich? Bin ich mir bewusst, dass ich in guter Absicht handelte? Und welche gute Absicht war es, die sich in mir durchgesetzt hat, und die mich in den Augen der Welt Unrecht tun ließ?

Gehen wir den Weg noch einmal: von der Grabplatte, an der wir uns als diejenigen vorfinden, die Unrecht begangen haben, die sich schuldig dafür gefühlt haben und sich vielleicht nicht anders zu helfen wussten. Hier stehen wir im Kreuzfeuer der Geschichte, richten unseren Blick nach oben, wo unsere Augen nach dem Richter für unsere Verfehlungen suchen. Dann aber wenden wir uns in die Tiefe, suchen jenen geheimen, viel älteren Ort in der Krypta auf und betrachten die uns immer während segnende rechte Hand, wie sie alles Unrecht ausgleicht.

Wer übrigens die abgeschlagene Schwurhand Rudolfs des Schwaben besichtigen möchte, der findet sie im Kapitelhaus des Doms, wo sie mumifiziert als Reliquie ausgestellt ist.

Stadtspaziergänge, Workshops und Vorträge mit Christopher A. Weidner:

Eine Antwort to “Der Merseburger Dom (1)”

  1. [...] schon in meinem ersten Beitrag zum Merseburger Dom erwähnt, wird Merseburg als Mars-Stadt betitelt, indem “Merse” volksetymologisch [...]

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