Der Merseburger Dom (2)

Die Merseburger Raben

Wer den Schlosshof links neben dem Portal des Merseburger Doms betritt, wird bald auf eine große Volière stoßen, in der ein Rabenpaar sein Zuhause hat. Was hat es mit diesen Raben auf sich? Folgende Sage erklärt diesen Zusammenhang:

Bischof Tilo von Trotha war bekannt als ein Mann, der sich nicht zu beherrschen wusste. Als ihm eines Tages ein kostbarer Ring abhanden gekommen war, verdächtigte er sofort seinen Kammerdiener Hans. Obwohl dieser betagt und ihm schon viele Jahre treu gedient hatte, und obowhl er seine Unschuld beteuerte, ließ ihn der Bischof in den Turm werfen. Nun begab es sich, dass der Jäger um die Hand der schönen Tochter des Kämmerers angehalten hatte, aber von diesem wegen seines unsteten Lebenswandels abgewiesen worden war. Seither sann er auf Rache und sah den Augenblick gekommen. Er richtete einen Raben ab, die Wörter „Hans Dieb!“ zu sprechen. Der Bischof und mit ihm das Volk hörten den Raben dies von sich geben und glaubten, darin die Stimme Gottes zu hören. Daraufhin ließ ihn der zornige Bischof zum Tode durch das Schwert verurteilen. Noch auf dem Schafott hob der arme Mann die Hände zum Himmel und flehte, man möge ihm seine Unschuld glauben – doch sein Flehen war vergebens: er wurde enthauptet. Doch zum Entsetzen der Zuschauer hob er auch nachdem sein Haupt vom Rumpfe fiel die Hände!

Kapitelhof des Merseburger Doms

Kapitelhof des Merseburger Doms

Jahre später riss ein Sturm das Dach des Turmes herunter. Zum Vorschein kam ein Rabennest – und in diesem lag der verlorene Ring! Nun war klar: der Bischof hatte die Schatulle mit dem Ring offen am Fenster stehen gelassen, und ein Rabe hatte sich von dem funkelnden Schmuckstück angezogen gefühlt – und ihn gestohlen. Da legte der Bischof große Reue an den Tag, entsagte fortan allen weltlichen Genüssen und tat Buße bis an sein Lebensende. Zudem zieren zwei Raben mit einem Ring im Schnabel seither das Wappen des Bischofs.

Schon früh wurde diese Sage auch als solche erkannt, denn Adligen von Trotha führten den Raben mit dem Ring schon lange vor Bischof Tilo in ihrem Wappen. Tilo selbst wurde außerdem von seinen Zeitgenossen alles andere als jähzornig beschrieben. Eine mögliche Erklärung für das Symbol könnte eine Vorlage aus dem Morgenland sein: Bei der Falkenjagd wurden im islamischen Raum Glöckchen am Schnabel des Falken befestigt. Insofern wäre der Rabe mit dem Ring die Fehldeutung eines Jagdfalken. Auch wenn Wappentiere an sich nicht zwingend etwas zu bedeuten haben, könnte man sich jedoch auch überlegen, ob nicht die mythische Bedeutung des Raben eine Rolle gespielt haben mag. In der nordischen Mythologie stehen sie für Weisheit und Klugheit, Odin trug die beiden Kolkraben Hugin und Munin auf seinen Schultern, die ihm berichteten, was auf der Welt vor sich ging. Der Ring im Schnabel des Raben wird als Armreif der freien Germanen gedeutet und damit die Verwurzelung des Geschlechts der von Trotha in heidnische Zeiten angedeutet.

Erinnern wir uns auch an die Raben, die im Londoner Tower gehalten werden, weil nach einer Legende die Monarchie zugrunde gehen würde, wenn die Raben den Tower verlassen. Unweit von Merseburg finden wir auch den Kyffhäuser,  dem König Barbarossa ruhen soll, und dereinst sein Reich erneuern würde, wenn keine Raben mehr dort fliegen. Oder denken wir an den Raben als Todesboten im Gesicht von Edgar Allen-Poe: „Quoth the Raven, „Nevermore.“

Die Kratzspuren im Kreuzgang zu Merseburg

Die Kratzspuren im Kreuzgang zu Merseburg

Der Baumeister im Kreuzgang

Der Baumeister im Kreuzgang

Eine weitere Sage rankt sich um seltsame Kratzspuren an den Säulen des Kreuzganges und ein merkwürdiges steinernes Bildnis, das einen Mann zeigt, der dem Betrachter offensichtlich sein Hinterteil entgegen streckt. Einst soll der Baumeister des Kreuzganges so unzufrieden mit seinen Planungen gewesen sein, dass er in seiner Wut ausrief: „Soll doch der Teufel den Kreuzgang bauen – ich vermag es nicht!“ Der Leibhaftige ließ sich nicht zweimal bitten und stand wie aus dem Boden gestampft vor dem verblüfften Mann. Er versprach ihm, den wunderbarsten Kreuzgang zu bauen, wenn der Baumeister ihm dafür seine Seele verspreche. Der listige Mann aber willigte ein, unter der Bedingung, dass der Kreuzgang in wirklich jeder Hinsicht vollkommen zu sein habe – sonst würde der Handel platzen. Der Teufel war sich sicher, dass er diesen Handel gewinnen würde und erschuf deinen Kreuzgang, wie es keinen zweiten auf Erden gibt. Als er fertig war und seinen Lohn forderte, erbat sich der Baumeister zuerst einen Rundgang durch das Gebäude, um zu prüfen, ob er den gestellten Ansprüchen genüge. In der Kapelle des Westflügels blieb er stehen, wandte sich an den Teufel und fragte: „Und wo ist der Altar mit dem Bildnis unseres Erlösers? Eine Kapelle ist erst dann vollendet, wenn der Altar steht!“ Da begriff der Teufel, dass man ihn zum Narren gehalten hatte, denn ein solches Bildnis konnte er nicht erstellen. Außer sich vor Wut raste er durch den Gang und versuchte mit seinen Krallen die Säulen einzureißen – was ihm nicht gelang, denn der Baumeister hatte einen Priester gebeten, sie mit Weihwasser zu besprengen. So verließen den Widersacher Gottes bald die Kräfte und es blieben nur die Spuren übrig, wie sie noch heute zu sehen sind. Im Südosteck des Kreuzganges aber verewigte sich der Baumeister in jener Pose, mit der er die Dummheit des Teufels verspottet.

Wie schon in meinem ersten Beitrag zum Merseburger Dom erwähnt, wird Merseburg als Mars-Stadt betitelt, indem „Merse“ volksetymologisch mit dem Kriegsgott in Verbindung gebracht wird. So erstaunt es nicht, dass diese Sagen von den Auswirkungen blinder Wut und ihrer Folgen handeln.

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