Regenstein – Felsen der Götter

Wir stiegen den Felsen hinan, auf dessen höchster Spitze die Ruine des Schlosses Regenstein liegt; das Gemäuer ist verschwunden, aber alles, was in den Felsen selbst eingehauen ist, steht wie eine mächtige Riesen-Mumie und erzählt von vergangenen Zeiten, obwohl es kein Wort sagen kann.

Hans Christian Andersen

Viele Pfade führen auf die Burgruine Regenstein, alle haben eines gemeinsam: Es geht bergauf. Doch egal von welcher Seite man sich ihr nähert, sie bietet schon vom Tal aus einen imposanten Anblick. Hoch über den Wipfeln reckt sich der weiße Sandstein, aus dem diese Burg förmlich herausgehauen wurde, in den Himmel. Besonders zur Nord- und zur Ostseite hin fällt der Felsen rund 75 Meter schroff ab und lässt das helle Gestein der mächtige Anlage weit über das Land hinweg leuchten. Schon von Weitem ist zu erkennen, dass der Felsen vielfach durchlöchert ist: Gänge, Schächte, Räume sind aus dem Stein herausgearbeitet worden und dienten einst als Untergeschosse einer mittelalterlichen Burg. Von dieser Burg ist freilich nicht mehr viel zu sehen – bis auf den Stumpf eines imposanten Rundturmes, einen Bergfried von immerhin noch 8 Metern Höhe und 3 Meter dicken Mauer.

Die offizielle Geschichte der Anlage beginnt mit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1162. Im 12. Jahrhundert gehörte sie demnach dem Grafengeschlecht der Blankenburg, die sich teilweise auch nach dieser Burg benannten, so Albrecht II. von Regenstein, der sich im 14. Jahrhundert im Streit mit dem Bischof von Halberstadt um das Erbe der Grafschaft Falkenstein im Harz befand. Der romantischen Verklärung dieses Grafen zum Raubgrafen durch Gottfried August Bürger und Julius Wollf haben wir es im Übrigen zu verdanken, dass die Burg den Ruf einer Raubritterbastion erhielt. Albrecht unterlag und damit verlor die Dynastie der Regensteiner an Einfluss. Die Burg wurde aufgegeben und 100 Jahre später war sie schließlich zur Ruine verfallen.

Nach einem Dornröschenschlaf von zweihundert Jahren stand sie auf einmal wieder im Mittelpunkt des Interesses als umkämpftes Territorium zwischen den Braunschweigern und Preußen. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges wechselte der Regenstein mehrmals seinen Besitzer. Das Bistum Halberstadt ging nach diesem schrecklichen Krieg in Preußen auf und der Felsen wurde bald als strategisch wichtiger Platz erkannt. Teilweise war dieser preußische Vorposten völlig von Braunschweiger Land umschlossen. Ab 1670 wurde Regenstein zu einer Bergfestung ausgebaut, wobei die gesamte Anlage drastische Veränderungen erfuhr: Höhlen wurden erweitert, Wehranlagen verbessert. 1757 schlug das letzte Stündlein der Festung: Als im Zuge des Siebenjährigen Krieges französische Soldaten die Bastion besetzten und den preußischen Truppen erst ein Jahr später die Rückeroberung gelang, hatte Friedrich II. genug von dieser im Grunde unrentabel gewordenen Anlage. Knapp 90 Jahre nach ihrer erneuten Blüte ließ er die Feste schleifen und die Gebäude als Baumaterial mit reißendem Absatz verkaufen. Übrig blieb schließlich nur noch der Felsen selbst … Die nächsten Eroberer des Regensteins – waren Ausflügler: Sie fühlten sich von der wildromantischen Ausstrahlung dieses verwunschenen Ortes schnell angezogen. Bereits in Anfang des 19. Jahrhunderts wurde auf den Ruinen das erste Ausflugslokal errichtet. Und so ist auch heute noch: An sonnigen Tagen wälzen sich Ströme von Touristen auf den geheimnisvollen Berg, mit seiner noch geheimnisvolleren Ruine. Ob sie ahnen, wie viele tausend Jahre Geschichte ihnen zu Füßen liegen?

Die herausragende Lage des Regenstein blieb von Menschen bestimmt schon lange vor dieser bewegten Geschichte nicht ungenutzt. Hinweise darauf bietet die Archäologie: Funde aus der Steinzeit und der Bronzezeit im Umfeld des Felsen belegen das. Zudem ist die Region um Blankenburg reich gesegnet mit prähistorischen Relikten, die eine Siedlungstätigkeit seit mindestens 8000 Jahren belegen – eine uralte mythologische Landschaft. Wie wir es auch aus anderen Gegenden kennen, liegt nahe, dass die Menschen der Vorgeschichte diesen besonderen Ort aufsuchten und nutzten, auch wenn durch die rege Bautätigkeit der letzten Jahrhunderte kaum Spuren davon übrig sind. Natürliche Höhlen im Regenstein massiv mögen jedoch schon damals als Wohnstätte gedient haben oder sogar für kultische Handlungen genutzt worden sein. Auf diesem Felsen, der so hoch über das Land aufragt, könnte auch ein Heiligtum gelegen haben, und einige der Höhlen und Räume könnten schon auf diese frühen Zeiten zurückzuführen sein.

Regenstein – der Name selbst gibt Rätsel auf. Der Volksmund weiß, dass es dort oben eben besonders viel und heftig regnet. Eine Zeitlang war auch die Schreibweise „Reinstein“ üblich, und das könnte sich auf den reinen, weißen Sandstein bezieht, in den die Burg gehauen wurde. Vielleicht aber steht regen mit dem althochdeutschen Wort „ragen“ für „hochragend“ in Zusammenhang. Oder dem gotischen Wort „ragin“, das  „Ratschluss“ bedeutet und möglicherweise den Felsen als eine Art Versammlungsstätte kennzeichnet. Eng damit verbunden ist im Altsächsischen das Wort „regin“ als eine Bezeichnung für Schicksal und im Altnordischen sind „regin“ die Götter selbst, die „Ratschließenden“, die das Geschick der Menschen bestimmen. Dies alles kann einen Hinweis auf die große religiöse Bedeutung dieses Felsen in frühen, längst vergangenen Zeiten liefern.

Die Überlieferung will es jedoch anders: der Name sei dem sächsischen Edelmann Hatebold geschuldet. Im Jahr 479 hatte er sich durch besondere Erfolge im Kampf der Sachsen gegen die Thüringer, die unter der Führung von Melverich über den Harz kamen, bei Veckenstedt verdient gemacht. Als Belohnung sollte er sich eine Heimstatt seiner Wahl suchen. Als er so über das wüste Land blickte, leuchtete ihm ein heller, hoch aufragender Felsen entgegen. „Düsse Steyn iß gereghent, darupp schall myne Woning wesen“ – „Dieser Stein ist richtig, darauf soll meine Wohnung sein!“, soll er ausgerufen haben. Also wäre der Regenstein einfach der richtige Felsen für das Vorhaben, eine Burg zu bauen.

Gruselig soll es auf dem Regenstein zuweilen zugehen. So weiß die Sage zu berichten, dass ein gespenstischer Wagen mit acht Pferden dort wie aus dem nichts auftaucht und wieder verschwindet. Böse Geister sollen dort wohnen, die sich über das an den Hängen friedlich grasende Vieh hermachen, und am Brunnen wird immer wieder eine Frau gesehen, die auf Flügeln dahinschwebt. Und eine helles Licht ist beobachtet worden, dass pfeilschnell über den Himmel schießt von den Mühlenteichen beim Kloster Michaelstein, um schließlich im Staufenberg zu verschwinden. Mit diesem Licht, so wird erzählt, hört wie eine Kutsche im Galopp durch die Lüfte jagt. Klingt ein wenig nach UFO.

Eine alte Sage berichtet, dass einer der Grafen von Regenstein, Friedrich, kinderlos geblieben war und nun fürchtete, mit ihm stürbe die Linie Regenstein aus. Auf der Felsenburg gab es einen tiefen Brunnen, in dem der Geist des Ahnherrn der Familie hauste, weil er dorthin verbannt worden war. Der Graf beschloss, diesen um Rat zu fragen. In einer stürmischen Nacht, so heißt es, rief er in den Brunnenschacht und tatsächlich – der Geist des Ahnen antwortete ihm mit dunkler Stimme: „Was ihr erhoffet, das wird euch erfüllt werden.“ Beglückt fasste sich der Graf ein Herz und fragte den Geist, ob es denn Erlösung für ihn geben könnte. „Erst wenn der Regenstein Ruine geworden ist, werde ich Ruhe finden“, war die Antwort aus dem düsteren Loch. Tatsächlich gebar die Gräfin in Jahresfrist einen Erben: Konrad. Und kaum ein Jahr später bekam sie sogar noch ein zweites Kind. Als der Knabe in der Burgkapelle auf den Namen Helmold getauft wurde, erhob sich auf einmal die Stimme des Ahnherren aus dem Brunnen und sprach: „Helmold wird meine Erlösung bewirken, denn er ist mein Namensvetter. In ihm bin ich wiedergeboren.“ Da Helmold der Zweitgeborene war, wurde seiner Erziehung nicht so große Aufmerksamkeit geschenkt, wie der Konrads. Eifersüchtig auf seinen älteren Bruder, floh er von der Burg und wurde zum Hauptmann einer Räuberbande. Als Graf Friedrich und seine Gemahlin verstarben, verlangte er von seinem Bruder sein Erbteil. Doch dieser verweigerte ihm diesen Anspruch, denn Helmold war durch seine besonders brutale Art im ganzen Land gefürchtet und hatte den Namen der von Regenstein in Verruf gebracht. Da überfiel der Jüngere den Älteren und zwang ihn, das zu geben, was ihm zustünde. Hier nimmt die Geschichte ihre Wendung, denn die beiden Brüder versöhnten sich – und wurden beide zu Raubgrafen! Das konnte der benachbarte Herzog von Braunschweig nicht länger dulden, ließ das Raubnest belagern – und schließlich zerstören, so dass nur noch der nackte Felsen übrig blieb. In diesem Augenblick stieg der Ahnherr aus dem Brunnen und fand seine ewige Ruhe.

Mit diesem sagenhaften Brunnen könnte einerseits die Zisterne gemeint sein, die es auf dem Areal gibt, andererseits aber auch das Burgverließ an der Nordostecke beim so genannten „Verlorenen Posten“, ein Felsvorsprung, der seinen Namen erhielt, weil dort einst ein Wächterhäuschen stand, das bei einem Sturm samt einem dort Zuflucht suchenden Soldaten in die Tiefe gerissen wurde – der Soldat überlebte den Sturz wie durch ein Wunder. Gerade dieser Ort könnte aufgrund seiner exponierten Lage als besonders magischer Platz gegolten haben – der perfekte Ort für Spukerscheinungen bei stürmischer Nacht. Auch ein Jägersbursche, der in späteren Jahren sich aus fast 100 Meter Höhe zu Tode stürzen wollte – überlebte. Mit dieser Ecke der Burg und dem Burgverließ ist eine weitere Sage verbunden. Als Hatebold sich auf dem Regenstein seine Burg baute, fehlte ihm nur noch eines zu seinem Glück – eine Frau. Er war aber in großem Verlangen nach Leonore, einem Edelfräulein aus dem nahe gelegenen Heimburg, entbrannt. Diese aber fand den wohl etwas groben Grafen alles andere als attraktiv, war ohnehin einem schönen jungen Ritter versprochen und weigerte sich folglich, auf sein Angebot einzugehen. Da entführte der mittlerweile im Rufe eines Raubgrafen stehende Hatebold die Dame kurzerhand und verschleppte sie auf seine Burg. Dort stellte er sie vor die Wahl: Entweder sie hielten Hochzeit oder sie solle im Burgverließ bei Wasser und Brot schmachten. Leonore ließ sich aber lieber in das tiefe Loch werfen als dem Verhassten zupass zu sein. Ihre Eltern hatten mittlerweile die Suche nach der verlorenen Tochter aufgegeben und so schwand Tag für Tag die Hoffnung der Gefangenen, jemals wieder ans Tageslicht zu kommen, denn dort unten erhellte nicht ein Lichtstrahl das Gefängnis. Sie wollte schon aufgeben, da war es ihr, als hörte sie in einer besonders stürmischen Nacht auf der anderen Seite der Felsenwand das Rauschen des Windes. Daraus schloss sie, dass die Wand nicht allzu dick sein könne. Dann fiel ihr Blick auf den Ring, geschmückt mit einem Diamanten, und mit diesem machte sie sich ans Werk und grub sich einen Weg durch den Felsen. Nach etlichen Monaten drang endlich ein Lichtstrahl durch ein winziges Loch. Und ein Jahr später hatte sie tatsächlich eine Öffnung herausgeschabt, durch die sie in die Freiheit gelangen könnte. In einer mondhellen Nacht war es so weit: Sie zwängte sich durch das Loch hinaus – doch dann erstarrte sie vor Entsetzen: Sie blickte in einen tiefen Abgrund! Was sollte sie tun? Zurück in ihren Kerker? Niemals! Lieber wollte sie sich zu Tode stürzen. Sie kletterte hinaus – und fiel! Doch wie von unsichtbaren Händen wurde sie aufgefangen und sanft im Tal abgesetzt. Wohlbehalten, wenn auch stark geschwächt durch die Qualen im Verließ, erreichte die tot geglaubte Tochter ihre Eltern.

Ein Ort auf der Burg gilt aber als besonders unheimlich: das so genannte „Teufelsloch“, ein Hohlraum, in dem sich zahlreiche Spuren menschlicher Bearbeitung finden. Schon im 16. Jahrhundert fand er Erwähnung, wurde dann aber zur Zeit der Festung verschüttet und erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder freigelegt. Dieser Raum weist einige merkwürdige Vertiefungen auf, zwei davon wannenförmig, deren Zweck bis heute nicht geklärt ist. Dienten sie zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten? Sind es Kultbecken für Opferrituale? Oder sind es, wie einige vermuten, Initiationswannen, in denen Einzuweihende eine Todeserfahrung machen konnten? Nichts davon kann belegt werden. Auch der etwa zwei Meter tief in den Felsen getriebene Schacht unmittelbar am Zugang zur Höhle gibt Rätsel auf. Eine Sage erzählt uns, wie es dieser eigenartige Felsenraum zu seinem Namen kam:  „Auf dem Regensteine ist ein Loch vorhanden, welches mit allerhand kleinen Steinen, die nicht auf dem Berge, sondern nur in der Ebene gefunden werden, angefüllet ist, und wollen die Führer vor gewiß berichten: daß solche Steine von denen bösen Geistern hieher gebracht würden, denn wenn man dieselben heraus nähme und hinweg trage, so kämen doch alsobald wieder andere hinein, ja auch oftmals diejenigen, welche man heraus genommen hätte. Es werden auch von ihnen viele Abentheuer erzehlet, so sich bei diesem Loche sollen zugetragen haben mit denjenigen, welche sich erkühnet, freventlicher Weise etwas darbei vorzunehmen.“ Also auch hier sind wieder böse Geister im Spiel.

Wann beginnt die Geschichte des Regenstein nun wirklich? Eine Inschrift neben besagtem „Teufelsloch“ erwähnt das Jahr 1090, doch geht man davon aus, dass sie wesentlich spät dort angebracht wurde, um auf ein bestimmtes, in der Vergangenheit liegendes Ereignis hinzuweisen. Wurde der Regenstein schon in der Steinzeit von Menschen bearbeitet? Rein optisch lassen sich Vergleiche mit Kultanlagen, wie sie auf Malta zu finden sind, anstellen. Auch andere megalithische Bauwerke Europas weisen Ähnlichkeiten auf. So soll es ähnlich wie bei den Externsteinen eine Lichtnische zur Kalenderbestimmung geben. Sie befindet sich unterhalb des schon erwähnten „Verlorenen Posten“ an der Nordostflanke des Felsen und ist heute nicht mehr begehbar. Zur Sommersonnenwende haben Heimatforscher in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts beobachtet, wie der Lichtkegel der Sonne, der durch eine fensterartige Öffnung in eine Höhle fällt, Runen mit Sonnensymbolik an der Rückwand des Raumes anstrahlt. Der Regenstein, so schlussfolgerten sie im Stile ihrer Zeit, sei eine Sonnenkultstätte gewesen. Von diesen Zeichen ist jedoch heute zwischen den zahlreichen modernen Ritzungen nichts mehr zu erkennen.

Megalithische Anlagen sind in der Gegend rund um Blankenburg keine Seltenheit, so zum Beispiel die Menhire von Benzingerode. Könnte dann nicht auch der Regenstein eine Art Kultzentrum schon im Neolithikum gewesen sein? Ist der Regenstein vielleicht tatsächlich so etwas wie der „Felsen der Götter“?

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