Mölln – An Eulenspiegels Grab

Foto: Christopher Weidner

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Auch wenn Eulenspiegel in der Nähe von Braunschweig geboren wurde, so ist doch die Stadt Mölln ganz besonders mit dem Leben des weltberühmten Volksnarren verbunden, denn hier soll er 1350 an der Pest gestorben sein und auf dem Kirchberg unter einer Linde begraben liegen. Dies ist freilich so gewiss wie die zahlreichen Schwänke, die sich um diese Sagengestalt ranken. Doch links vom Westportal der Kirche St. Nicolai ist der angebliche Grabstein des Till Eulenspiegel zu besichtigen, in einer vergitterten Nische, die im ausgehenden 19. Jahrhundert eigens geschaffen wurde.

Heute wissen wir, dass dieser Stein erst um 1500 aufgestellt wurde, sehr wahrscheinlich, um der Frage nach dem Grab des Eulenspiegel eine konkrete Antwort zuordnen zu können, nachdem die Streiche, die von Hermann Bote um 1470 in einem Volksbuch zusammengefasst wurden, immer beliebter wurden und sich immer mehr Wandernde danach erkundigten. So gesehen ist es weniger ein Grab- als ein Gedenkstein, der wohl zuvor an der Linde vor dem Portal gelehnt stand, bis er wegen der zunehmenden Beschädigungen – man glaubte, ein Stück der Stele würde Glück bringen – seinen Platz in besagter Nische fand.

Foto: Christopher Weidner

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Auf dem Stein ist Eulenspiegel zu erkennen: in der einen Hand trägt eine Eule, mit der anderen hält er einen Spiegel empor. Darunter ist zu lesen:

Anno 1350 is dusse steen upgehauvn de ulenspigel ligt hir under begraven market wol un denket dran wer ick gewest si up erden alle de hir voröver gan moten mi glick werden.

Ins Neuhochdeutsche übersetzt heißt das:

Im Jahre 1350 wurde dieser Stein aufgestellt, der Eulenspiegel liegt darunter begraben. Erinnert euch und denkt daran, wer ich war auf Erden. Alle, die hier vorüber gehen, sollen mir gleich werden.

Foto: Christopher Weidner

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Es wird berichtet, dass das Begräbnis des Till Eulenspiegels ebenso wunderlich ablief wie sein gesamtes Leben. Als man den Sarg hinab ließ, riss ein Seil und der Sarg fiel senkrecht in der Grube, sodass Eulenspiegel auf den Füßen zum Stehen kam. Die Möllner beließen es dabei, schütteten das Grab zu und pflanzten obenauf den Wanderstock des Schelms, so wie er es sich zu Lebzeiten gewünscht hatte. Aus diesem Stock wuchs dann eben jene Linde, auch wenn diese heute sicherlich eine der vielen Nachpflanzungen ist, die den ursprünglichen Baum ersetzten. In diesen Baum trieb man früher Nägel und auch Münzen, um dadurch Krankheiten wie Zahnschmerzen zu heilen oder einfach nur, weil es Glück bringen sollte.

Unterhalb des Kirchbergs befindet sich der Eulenspiegelbrunnen, eine Bronzeskulptur in den 50er Jahren geschaffen vom Möllner Künstler Karlheinz Goedke. Auch hier kann man deutlich erkennen, wie sich der Glaube, Eulenspiegel bringe Glück bis heute fortgesetzt hat: Daumen und Schuhspitzen glänzen blank poliert von den unzähligen Berührungen Vorbeiziehender.

Quelle: Wikipedia

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Die Possen des Till Eulenspiegels sind alles andere als Kinderspäße, denn sie strotzen nur so vor derben Humor und Anzüglichkeiten – alles andere als politisch korrekt, wie wir heute sagen würden. Eine besondere Spezialität des Possenreißers war das bewusste Wörtlichnehmen von Redewendungen. So verdingte er sich einmal als Bäcker und fragte den Bäcker, was er denn backen solle. Dieser antwortete ungehalten: „Eulen und Meerkatzen!“ Till nahm dies wörtlich – und verbrauchte den gesamten Teig dafür, Brot in Form von Eulen und Meerkatzen. Der wütende Bäcker forderte daraufhin von ihm, den Teig zu bezahlen. Eulenspiegel tat dies und verkaufte die sonderbaren Backwaren mit hohem Gewinn vor der Kirche – sehr zum weiteren Verdruss der Bäckers.

Der Name „Eulenspiegel“ hat zu vielen Spekulationen Anlass gegeben. Vielleicht leitet er sich davon ab, dass der Schalk „ulen den spegel“, also „euch den Spiegel“ vorgehalten hat mit seinen Scherzen. Andere wollen darin die mittelalterlichen Wendungen „ulen“ für wischen und und „spegel“ für Hinterteil erkennen, sodass dieser Name so viel heißt wie „den Hintern wischen“ im Sinne von „am Arsche lecken“. Vielleicht steckt von allem etwas darin. Die Eule ist ein bekanntes Symbol für Weisheit und der Spiegel für Selbsterkenntnis – passend für einen Narren.

Till Eulenspiegel, der Narr. An mittelalterlichen Höfen war der Narr eine soziale Institution am Hof und Art Gegenfigur zur höfischen Etikette. Im Gegensatz zu allen anderen am Hofe, die allesamt „höflich“ gegenüber ihrem Herrscher zu sein hatten, konnte der Narr dem Regenten die Wahrheit ungeschoren ins Gesicht sagen – er hatte „Narrenfreiheit“. Traditionell sollte er so daran erinnern, dass auch er sterblich und von Gott eingesetzt worden sei. Interessant ist, dass der Narr selbst durchaus nicht nur als ein sympathischer Schalk betrachtet wurde, denn Narren sind in der christlichen Tradition auch solche, die sich dem Glauben an Gott verleugnen. Sie stehen daher auch für Gottesferne – und Teufelsnähe. Dennoch erreichten Hofnarren immer wieder einen angesehenen Status und galten nicht selten als die besten Ratgeber.

Quelle: Wikipedia

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Der Narr ist also weise und unweise zugleich. Gerade in seiner augenscheinlichen Torheit ist er klüger als alle anderen. Er sieht die Dinge, wie sie wirklich sind, kann es sich leisten, abseits von Moral und Konvention den Finger auf die wunden Stellen zu legen. Was Narretei zu sein scheint, ist in Wirklichkeit Ausdruck großer Weitsicht.

Und dann gibt es da noch den „reinen Tor“ wie Parzival, dessen Torheit ihm erst den Zutritt zur Gralsburg gewährte und der – wie Eulenspiegel – gerne alles wörtlich nahm und als Kind sich von seiner Mutter losriss, um in einem Narrenkleid Ritter zu werden – unbedarft und mutig zugleich. Hier ist die Narrheit, die Freiheit von allen Prägungen und Konventionen, der Schlüssel zur Spiritualität.

Quelle: Wikipedia

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Im Tarot finden wir die Figur des Narren als Trumpf mit der Zahl 0. Die Null ist die Nicht-Zahl, das Nichts. Sie steht für den Zustand der Welt vor dem Kosmos, verkörpert durch die Zahl 1. Die Null ist das Chaos – und zwar nicht im landläufigen Sinne von Unordnung, sondern von Noch-Nicht-Ordnung: der Zustand der Welt, in der sie noch tohu-wa-bohu war, wie es in der Genesis heißt, „wüst und leer“. Die Elemente sind noch nicht geordnet, sondern liegen in einem chaotischen Durcheinander vor, sie besitzen die Möglichkeit der Ordnung, aber nicht die Wirklichkeit. Die Null ist die Zahl der Möglichkeiten, während alle anderen Zahlen die Ebenen der Wirklichkeiten verkörpern. Es heißt, der Narr trüge in seinem Sack das Chaos mit sich herum. Er hinterfragt die Wirklichkeit und zeigt auf, dass hinter allen noch so fest stehenden Konventionen andere Blickwinkel und Denkweisen möglich sind. Er erschüttert unseren Glauben an das Sosein des Kosmos, indem er darauf hinweist, wie die Welt möglicherweise auch sein kann. Zugleich ist die Zahl Null ein Kreis – Anfang und Ende vereinen sich. Der Kosmos entsteht aus dem Chaos und geht wieder über in das Chaos. Die Ordnung der Welt ist ein temporärer Zustand, irgendwann werden die Karten neu gemischt und eine neue Ordnung entsteht. Der Narr im Tarot tänzelt am Abgrund. Es ist das Risiko, das im Chaos verborgen liegt. Hier gibt es keinen sicheren Pfad, keine Sicherheit von Ursache und Wirkung. Hier kennt das Universum ein Vielleicht, hier regiert der Zufall.

Frechheit zerreißt die Maskerade der so genannten Wirklichkeit – das hat uns Eulenspiegel gelehrt. Wie alle anderen Narren zeigt er uns, dass das, was wir wirklich nennen, nur eine Konvention ist, ein Glaubenskonstrukt, das ziemlich schnell ins Wanken gerät, wenn wir genauer hinsehen. Viele von uns haben Angst davor und reagieren verärgert, ja wütend – wie der Bäcker. Doch Eulenspiegel lässt sich nicht beirren und zeigt uns weiter, dass das Hinterfragen des „So-muss-es-sein“ unser Leben überraschend verändern kann. Der Augenblick, indem wir unsere Gewohnheiten hinterfragen, kann der Beginn einer neuen Sicht der Dinge sein, die uns reicher werden lässt.

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Mit den STADTSPÜRERN durch das Mystische München:

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