Žemaitiu alka – das samaitische Heiligtum bei Sventoji

Saule - Zemaitiu alka

Saule (Zemaitiu alka) - Foto: Christopher Weidner

Im Spätsommer 2008 besuchte ich Litauen und Lettland. Ich war überrascht, wie allgegenwärtig noch die heidnischen Traditionen in diesen ansonsten so katholischen Ländern ist. Überall findet man in der Landschaft verstreut große hölzerne Stelen, mit eigenartig archaischen Darstellungen von Gottheiten. Noch heute werden dort Versammlungen abgehalten und Feste gefeiert zu bestimmten astronomisch bedeutsamen Tagen. In der Nähe der Ortschaft Sventoji an der Ostsee wurde ein altes Observatorium rekonstruiert, das aus solchen Holzstelen errichtet wurde. Durch die Beobachtung der Sonnenuntergänge im Meer entlang bestimmter Konstellationen von Stelen können die wichtigsten Festtage bestimmt werden – Landschaftsastrologie also.

Eigentlich stand das samaitische Heiligtum einst auf dem Berg Birute, einer Erhöhung im jetzigen Botanischen Park der Stadt Palanga, auf dem sich jetzt eine Marienkapelle befindet. Im Jahre 1989 entdeckten Archäologen Pfahlstümpfe, die in einer bestimmten Anordnung aufgestellt waren. Was zunächst wie eine primitive Konstruktion aussah, entpuppte sich bald als komplexe Struktur zur Berechnung astronomischer Ereignisse, eine Art archaisches Observatorium, das noch im 14. Jahrhundert in Betrieb war und auch als Kultstätte diente.

Die Göttin Birute im Park von Palanga

Die Göttin Birute im Park von Palanga - Foto: Christopher Weidner

Da die samaitische heidnische Tradition in Litauen noch sehr lebendig ist, wollte man dieses Heiligtum wieder errichten, doch auf dem bisherigen Platz auf dem Birute gab es keine Möglichkeit dazu. Deshalb rekonstruierte man die gesamte Anlage auf einer 6,5 Meter hohen Düne in der Nähe des Ortes Sventoji, unweit von Palanga, mit Blick auf die Ostsee. In der typischen baltischen Tradition schnitzen Künstler elf Gottheiten.

Mit Hilfe der Anlage können die wichtigsten baltischen Festtage bestimmt werden, indem beobachtet wurde, wann die Sonne in der Verlängerung von bestimmten Kombinationen der aufgestellten Pfähle im Meer versinkt. Das beliebteste Fest der Balten ist Rasa (auch Kupole genannt), das in der Nacht der Sommersonnenwende (um den 22.6.) gefeiert wird – wenn die Sonne in der Verlängerung der Pfähle von Saule (Sonne) und Ausrine (Venus) untergeht. Dann werden Feuer entzündet, um das Licht der Erde mit dem des Himmels zu verbinden, es wird den Göttern geopfert und in die Zukunft gesehen – und die ganze Nacht ausgelassen gefeiert. Wenn die Sonne in der Verlängerung von Saule (Sonne), Menulis (Mond), Patrimpas (Frühling) untergeht, feiert man die Ankunft des Frühlings.

Plan der samaitischen Anlage

Plan der samaitischen Anlage (entnommen: Jonas Trinkunas, Rasa, Engerda 2002)

Hier eine Übersicht über die 11 Gottheiten:

(1) Perkunas, Gott des Donners und der Gerechtigkeit.
(2) Aušrine, der Morgenstern. Göttin der Morgendämmerung, der Liebe und der Schönheit.
(3) Žemyna, Mutter Erde.
(4) Austeja, die Bienengöttin. Beschützerin von Bräuten und schwangeren Frauen.
(5) Ondenis, Gott des Wassers.
(6) Patrimpas, Gott der Getreidefelder. Symbol: die Ringelnatter.
(7) Menulis, der Mondes. Gott der Erde und des Todes.
(8) Saule, die Sonne. Tochter des Himmels.
(9) Patulas, Gott des Todes und der Unterwelt.
(10) Velinas, Gott der Toten und der Magie. Der Teufel.
(11) Leda, Göttin der Fruchtbarkeit und der Ehe.

Der Platz besitzt eine ganz eigentümliche Mystik: Er liegt versteckt und ist doch wieder leicht zu finden. Nicht weit entfernt rauscht das Meer und über mir wölbt sich der blaue Himmel mit wenigen weißen Wolken. Meine Impressionen beim Besuch dieser Anlage habe ich in folgender filmischen Collage festgehalten.


Žemaitiu alka – eine paläoastronomische Sternwarte from Phoenix Astrologie on Vimeo.

Share
Mit den STADTSPÜRERN durch das Mystische München:

Antwort eingeben

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.