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	<title>Mystische Orte &#187; Grab</title>
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	<description>von Christopher A. Weidner</description>
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		<title>Die Heilige L&#252;fthildis zu L&#252;ftelberg</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jul 2008 21:36:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CAW</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nordrhein-Westfalen]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_175" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-175" title="lueftelberg_petruskirche_01" src="http://www.mystische-orte.de/wp-content/uploads/2008/07/lueftelberg_petruskirche_01-225x300.jpg" alt="Foto: Christopher Weidner" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Foto: Christopher Weidner</p></div>
<p>Viel wissen wir nicht &#252;ber diese Lokalheilige am Rande der Eifel. Die fromme Frau soll im 9. Jahrhundert in Berge im Kottenforst nahe Bonn gelebt haben. Eingedenk des Wirkens der Heiligen wurde dieser Ort in L&#252;ftelberg umbenannt und ist auch heute noch unter diesem Namen etwa 2,5 Kilometer nordwestlich von Meckenheim zu finden. Die fr&#252;hesten Aufzeichnungen &#252;ber ihr Wirken sind uns allerdings erst aus dem 12. Jahrhundert &#252;berliefert und erst im 17. Jahrhundert wurde ihre Vita aufgezeichnet.<span id="more-173"></span></p>
<p>Darin wird die Geschichte der Tochter des wohlhabenden Burgherren von Berge erz&#228;hlt, die sich durch ihre besondere Fr&#246;mmigkeit auszeichnete. Sie half den Armen und Kranken von Jugend an und scheute sich nicht, trotz ihrer vornehmen Herkunft, sich um diejenigen zu k&#252;mmern, die es nicht so gut getroffen hatten wie sie selbst. Wie es das Schicksal so wollte, verstarb ihre Mutter – und ihr Vater nahm sich eine neue Frau. Ihre Stiefmutter aber hatte ein b&#246;ses Herz und wie im M&#228;rchen von Aschenputtel lie&#223; sie keine Gelegenheit aus, um die Gute zu dem&#252;tigen: L&#252;fthildis musste niedere Arbeiten verrichten und fand keine Ruhe vor der Niedertracht der neuen Burgherrin. Diese wurde auch nicht m&#252;de, sich immer neue Gemeinheiten auszudenken und schw&#228;rzte schlie&#223;lich L&#252;fthildis ihrem Vater gegen&#252;ber an, durch ihre Wohlt&#228;tigkeit das Hab und Gut der Familie zu verschleudern.</p>
<p>L&#252;fthildis Vater war sich unsicher, wem er glauben schenken sollte, und beschloss der Sache selbst nachzugehen. Als seiner Tochter wieder einmal Laiber von Brot in ihre Sch&#252;rze packte, um sie an die Armen zu verschenken, lauerte er ihr auf und stellte sie zur Rede. In diesem Augenblick geschah das Wunder: die Brote in ihrer Sch&#252;rze verwandelten sich Kohlen – und L&#252;fthildis konnte keine Verschwendung nachgewiesen werden.</p>
<p>Die b&#246;se Stiefmutter aber &#228;rgerte sich &#252;ber die Ma&#223;en, dass L&#252;fthildis davon gekommen war und sann auf Rache. Sie lie&#223; den B&#228;cker kommen, bei dem das M&#228;dchen sich das Brot holte, und befahl ihm bei seinem Leben das n&#228;chste Mal gl&#252;hende Kohlen in die Sch&#252;rze zu kippen. Voller Furcht tat der B&#228;cker wie ihm gehei&#223;en – doch wieder geschah ein Wunder: diesmal verwandelten sich die Kohlen in Brot, und L&#252;fthildis geschah kein Leid.</p>
<div id="attachment_176" class="wp-caption alignleft" style="width: 212px"><img class="size-medium wp-image-176" title="Die Heilige L&#252;fthildis" src="http://www.mystische-orte.de/wp-content/uploads/2008/07/luefteldis" alt="Quelle: Magdalene Frank" width="202" height="307" /><p class="wp-caption-text">Quelle: Magdalene Frank</p></div>
<p>Die Heilige L&#252;fthildis tr&#228;gt eine silberne Spindel in der Hand, manchmal auch einen Ginsterzweig – ein f&#252;r Eifel typisches Gew&#228;chs. Mit dieser Spindel vollbrachte sie allerlei Wunder: so soll sie einen Grenzstreit zwischen ihrem Vater und dem Nachbarn aus der Gemeinde R&#246;ttgen dadurch geschlichtet haben, dass sie mit besagter Spindel die Grenze zog, die sich hinter ihr in einen tiefen Graben verwandelt hat, der noch heute im Kottenforst zu sehen ist. Ein andermal heilte sie mit der Spindel Karl den Gro&#223;en, der auf der unweit gelegenen Burg M&#252;nchhausen krank danieder lag. Da keine &#196;rzte ihn zu retten vermochten, eilte man auf Gehei&#223; des Kaisers, um die wundert&#228;tige Heilige zu holen. Zwei Ritter fanden L&#252;fthildis am Spinnrad arbeitend, wo sie gerade f&#252;r die Armen Kleider spann. Ohne Zeit zu verlieren, lie&#223; sie sich ans Bett des Kranken bringen – die Spindel noch in der Hand. Da ert&#246;nte eine Stimme aus dem Himmel, die ihr befahl, den Kaiser mit der Spindel zu ber&#252;hren. Kaum hatte sie dies getan, war derselbe auch schon wieder gesund.</p>
<p>Sp&#228;ter hat sich L&#252;fthildis als Einsiedlerin zur&#252;ckgezogen. Kurz vor ihrem Tod verschenkte sie all ihr Hab und Gut an die Bed&#252;rftigen – mit Ausnahme der wundert&#228;tigen Spindel, mit der sie beerdigt wurde. Noch heute ist ihr Grab zu besichtigen in der Kirche St. Peter zu L&#252;ftelberg und wird auf Wallfahrten besucht.</p>
<p>Die Geschichte der L&#252;fthildis tr&#228;gt viele m&#228;rchenhafte Z&#252;ge. Wer denkt nicht bei der Spindel an Frau Holle oder an Dornr&#246;schen? Auch der Konflikt zwischen b&#246;ser Stiefmutter und gedem&#252;tigter Tochter ist aus M&#228;rchen wie Aschenputtel und Frau Holle bekannt. Tats&#228;chlich ist die Spindel ein bekanntes Attribut der Frau Holle in ihrer Gestalt als Spinnstubenfrau. So wird berichtet, dass sie regelm&#228;&#223;ig Spinnerinnen bei ihrer Arbeit pr&#252;ft und sie im Zweifelsfalle f&#252;r Schlampigkeit und Nachl&#228;ssigkeit bei der Arbeit zur Rechenschaft zieht – ganz wie die Frau Holle aus dem bekannten Grimm&#8217;schen M&#228;rchen. Ihre Erscheinung ist jedoch vielf&#228;ltiger als das aus dieser Erz&#228;hlung bekannte M&#252;tterchen:</p>
<p>Sie taucht als verschleiertes Geisterwesen in einem langen wei&#223;en Gewand ebenso auf wie als eine auf einem Stein sitzende Fee, die zauberhaft singt und ihre goldenen Haare k&#228;mmt. Frau Holle reitet au&#223;erdem auf einem edlen Pferd oder reist auf ihrem Wagen &#252;ber den Himmel. Dann st&#252;rmt sie wieder in wilder Jagd &#252;ber Berg und Tal und ihr wildes Geschrei erf&#252;llt die L&#252;fte und versetzt Mensch und Tier in Schrecken. Als kleinem buckligen M&#252;tterchen mit grauen Haaren, gl&#252;henden Augen und feurigem Mund mit langen Z&#228;hnen kann man ihr begegnen, und wer sich nicht vorsieht, dem springt sie auf den R&#252;cken und l&#228;sst sich bis zur Ersch&#246;pfung herumtragen. In vielen Gegenden des deutschsprachigen Raumes ist sie bekannt – nicht nur als Frau Holle, sondern auch als „Frau Percht“, „Berchta“ oder „Bertha“ im s&#252;dlichen Deutschland und im Norden als „Frau Gode“,  „Frau Herke“ oder „Frau Frecke“.</p>
<p>Hinter der Gestalt der Frau Holle, der „holden Frau“, wird gerne die germanische G&#246;ttin Freya vermutet, die wiederum mit der lateinischen Venus verwandt ist. Sie ist die „herrlichste aller Asinnen“ &#8211; die Asen sind in der nordischen Mythologie ein G&#246;ttergeschlecht – und wird gerne in Liebesdingen angerufen. Ber&#252;hmt ist sie f&#252;r ihre magischen Kr&#228;ften – kurz: sie ist eine strahlende Erscheinung.</p>
<p>Umso interessanter ist es an dieser Stelle den auf den ersten Blick doch recht eigenartigen Namen „L&#252;fthildis“ genauer unter die Lupe zu nehmen, der auch in Varianten wie Luchteld, Leuchteldies, Luthild und Linthildis &#252;berliefert wird. Der zweite Teil des Namens „-hild“, der aus vielen deutschen Namen bekannt ist wie Brunhild, Hilde, Mechthild usw., leitet sich ab vom althochdeutschen „hilta“ und bedeutet so viel wie „K&#228;mpferin“. Der erste Teil des Namens ist hingegen nicht ganz eindeutig: so k&#246;nnte es sich um eine Ableitung des althochdeutschen „liuti“ f&#252;r „Leute, Volk“ handeln. Demnach w&#228;re L&#252;fthildis eine „K&#228;mpferin des Volkes“ gewesen. M&#246;glicherweise, und dies erscheint mir passender, leitet es sich von althochdeutsch „liohta“ ab: „Licht, hell, klar“ &#8211; L&#252;fthildis, die „leuchtende K&#228;mpferin“.</p>
<p>Haben wir es in der Heiligen L&#252;fthild mit einer christianisierten Version der Frau Holle alias Freya zu tun? Denkbar w&#228;re es. Die Spindel, der Name – alles dies k&#246;nnte auf einen solchen Hintergrund verweisen. Zumindest k&#246;nnen wir annehmen, dass in der Verehrung der Heiligen und ihren Wundertaten sich die Mythologie der „holden Frau“ &#252;berliefert hat.</p>
<p>Aus dieser Perspektive wird die Spindel zu einem Instrument, dass in der Mythologie vieler Kulturen einen besonderen Stellenwert einnimmt: als Spindel, auf den der Lebensfaden gespannt ist. Es sind die Moiren in der griechischen Mythologie und eben Frau Holle in der germanischen, die als Herrinnen des Lebensfadens auch die G&#246;ttinnen &#252;ber Leben und Tod sind.</p>
<div id="attachment_177" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-177" title="Thuje an der Petruskirche in L&#252;ftelberg" src="http://www.mystische-orte.de/wp-content/uploads/2008/07/lueftelberg_petruskirche_02-225x300.jpg" alt="Foto: Christopher Weidner" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Foto: Christopher Weidner</p></div>
<p>Dies f&#252;hrt mich zur alten Peterskirche in L&#252;ftelberg zur&#252;ck. Auf der S&#252;dseite der Kirche entdecken wir eine stattlich gewachsene alte Thuje, auch Lebensbaum genannt. Auch wenn dieser Baum nicht zu den traditionellen einheimischen Geh&#246;lzen geh&#246;rt, hat er  doch in unseren Breiten seit dem 16. Jahrhundert seine Verbreitung gefunden, insbesondere als Heckenpflanzen treffen wir ihn sehr h&#228;ufig an. Diese in Form gebrachte Variante l&#228;sst kaum vermuten, dass dieser Baum eine solche H&#246;he erreichen kann: hier wird erst sichtbar, was f&#252;r ein wunderbares, gerade gewachsenes und festes Holz die Thuje besitzt. „Lebensbaum“ &#8211; wohl wegen seinen immergr&#252;nen Nadeln wird die Thuje so genannt: sie stammt aus der Familie der Zypressen, woran ihre hohe, schlanke Gestalt erinnert. Insofern steht sie wohl auch von der Symbolik her in der Tradition dieses mediterranen Nadelbaumes. Wie ein Zeigefinger erhebt sie sich gen Himmel, verbindet ihn mit der Erde. So wurde die Thuje auch zum Friedhofsbaum, denn sie erinnert an die Heimkehr der Seele in den Himmel und durch ihr immergr&#252;nes Kleid an das ewige Leben. Der Lebensbaum ist also eigentlich ein Todesbaum, der den chthonischen Gottheiten geweiht ist, allen voran Pluto, dem Gott der Unterwelt. Und erinnert nicht ihre Gestalt ein wenig an eine Spindel?</p>
<p>Wenn wir um die Kirche herum gehen, treffen wir auf einen weiteren Baum – am nordwestlichen Eck der Kirche steht eine Linde. Wenn die Thuje den Tod und das ewige Leben verk&#246;rpert, dann steht die Linde f&#252;r das Leben im Hier und Jetzt. Ihre herzf&#246;rmigen Bl&#228;tter, ihr sanftes Gr&#252;n und ihr freundlicher Ausdruck machten die Linde zu einem der beliebtesten B&#228;ume in unseren Landen und wir finden sie immer wieder an exponierter Stelle als Dorflinde, Gerichtslinde, Tanzlinde – ein Ort der Begegnung also, des Ausgleichs und der Freude. Die Linde ist der G&#246;ttin Freya heilig – und damit schlie&#223;t sich der Kreis um die alte Peterskirche in L&#252;ftelberg: Leben und Tod, Diesseits und Jenseits bilden die Pole, in denen dieser Ort der Kraft gebettet ist.</p>
<p>Wer die Kirche wenigstens einmal umwandert und dabei sowohl an der Thuje als auch an der Linde kurz inneh&#228;lt, bevor er in die Seitenkapelle selbst eintritt, um das Grab der Heiligen L&#252;fthild mit seiner schlichten, sch&#246;nen Grabplatte aus Kalksinter, einst Teil der von den R&#246;mern erbauten Wasserleitung nach K&#246;ln, zu besuchen, tankt von den Kr&#228;ften des Werdens und Vergehens – eine wundervolle Weise sich vorzubereiten.</p>
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		<title>Der Merseburger Dom (1)</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Jul 2008 08:48:52 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Sachsen-Anhalt]]></category>
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		<description><![CDATA[Merseburg &#8211; der Name der Stadt wurde noch bis in die Renaissance hinein als &#8220;Burg des Mars&#8221; gedeutet, eine Stadt also geweiht dem Kriegsgott Mars. Sehr viel wahrscheinlicher ist zwar, dass sich der erste Teil des Namens der Stadt von dem alts&#228;chsichen Wort meri f&#252;r &#8220;Sumpf&#8221; ableitet, denn die Stadt liegt dort, wo sich das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_58" class="wp-caption alignleft" style="width: 170px"><img class="size-medium wp-image-58" title="Merseburger Dom" src="http://www.mystische-orte.de/wp-content/uploads/2008/07/merseburger_dom_eingang-200x300.jpg" alt="" width="160" height="240" /><p class="wp-caption-text">Foto: Christopher Weidner</p></div>
<p>Merseburg &#8211; der Name der Stadt wurde noch bis in die Renaissance hinein als &#8220;Burg des Mars&#8221; gedeutet, eine Stadt also geweiht dem Kriegsgott Mars. Sehr viel wahrscheinlicher ist zwar, dass sich der erste Teil des Namens der Stadt von dem alts&#228;chsichen Wort <em>meri</em> f&#252;r &#8220;Sumpf&#8221; ableitet, denn die Stadt liegt dort, wo sich das Fl&#252;sschen Geisel in die Saale ergie&#223;t, ein in fr&#252;heren Zeiten sicherlich sehr wasserreiches Gebiet. Das Gebiet wurde wohl schon sehr fr&#252;h besiedelt, doch erste urkundliche Erw&#228;hnung findet die Stadt im 9. Jahrhundert &#8211; wir betreten also fr&#252;hmittelalterlichen Grund. Im 11. Jahrhundert errichtete Thietmar von Merseburg den heute weltber&#252;hmten Dom, der einige der bedeutendsten Meisterwerke des Mittelalters und sp&#228;terer Epochen beherbergt.<span id="more-53"></span></p>
<p>Genau dort, wo sich Langhaus und Querhaus der Kirche kreuzen, im Mittelpunkt der so genannten Vierung und damit an der wichtigsten Stelle &#252;berhaupt im ganzen Geb&#228;ude, befindet sich die bronzene Grabplatte Rudolfs von Schwaben, das wohl &#228;lteste erhaltene Bildnisgrabmal. Urspr&#252;nglich vergoldet und mit Edelsteinen besetzt muss einen tiefen Eindruck auf die Besucher der Kirche gemacht haben, wenn das Licht der Sonne durch die Fenster im Chor es in vollem Glanze erstrahlen lie&#223;.</p>
<p>Fast wie ein Heiliger liegt Rudolf da, einst Gegenk&#246;nig Heinrichs IV. und seinen Verletzungen nach der verlorenen Schlacht an der Elster im Jahre 1080 erlegen. &#8220;Der Tod ward ihm Leben. F&#252;r die Kirche ist er gefallen&#8221; &#8211; so preisen ihn die Majuskeln auf der glatt polierten Grabplatte. Seine rechte Hand hatte er in der Schlacht verloren, die Hand, mit der er einst Heinrich die Treue geschworen hatte &#8211; ein Gottesurteil, so sahen es die Zeitgenossen. Doch noch nach seinem Tod wurde er wie ein K&#246;nig gefeiert, und so liegt er hier mit den Insignien der k&#246;niglichen Macht: Reichsapfel, Zepter und B&#252;gelkrone.</p>
<div id="attachment_63" class="wp-caption alignleft" style="width: 197px"><a href="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/Grabplatte_Rudolf_von_Rheinfelden_Detail.JPG"><img class="size-medium wp-image-63" title="Grabplatte Rudolfs des Schwaben" src="http://www.mystische-orte.de/wp-content/uploads/2008/07/merseburger_dom_grabplatte-187x300.jpg" alt="foto" width="187" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Michail Jungierek</p></div>
<p>Diese Stelle ist die kraftvollste in der ganzen Kirche. Folgen Sie dem Blick des starr da liegenden K&#246;nigs mit seinem strengen und freudlosen Gesicht und beobachten Sie, wie sich hier die Kraft b&#252;ndelt. Was sieht er von dort aus, wohin schweift sein Blick? So kraftvoll der Ort, so wenig einladend ist es, dort l&#228;nger zu verweilen &#8211; leicht bekomme ich den Eindruck, das hier das Erhabene sich mit dem Bedr&#252;ckende mischt.</p>
<p>Im n&#246;rdlichen Querschiff f&#252;hrt eine Treppe hinab in die Krypta, dem &#228;ltesten erhaltenen Teil der Kirche und ein stiller Ort, dessen Atmosph&#228;re die aufw&#252;hlende Kraft unmittelbar &#252;ber unseren K&#246;pfen d&#228;mpft und ausgleicht. Drei Pfeilerpaare gliedern die Halle, in welcher die Energie sanft und doch bestimmt schwingt. Die Akustik dieses Raumes ist fantastisch: bei ge&#246;ffneten Seitent&#252;ren dringt der Gesang des dort singenden Chores bis in das Kirchenschiff und f&#252;llt den Dom mit Klang &#8211; ohne dass wir w&#252;ssten, woher der Gesang seinen Ursprung nimmt. Unser Augenmerk gilt aber weniger diesem Umstand. An der Westseite des Raumes beleuchten Kerzen eine Kammer, deren urspr&#252;ngliche Funktion ein Geheimnis ist &#8211; in sp&#228;teren Zeiten wurden hier immer wieder Reliquien aufbewahrt. Wer seine Scheu &#252;berwindet und den Raum dort betritt, wird etwas &#220;berraschendes entdecken: direkt &#252;ber dem Eingang erhebt sich die segnenden Hand Gottes vor dem Hintergrund eines Kreuzes. &#8220;M&#246;ge dich diese Hand davor bewahren, Unrecht zu begehen.&#8221;, k&#252;ndet eine nur in Bruchst&#252;cken &#252;berlieferte Inschrift.</p>
<p>Die Hand, die Unrecht getan hat &#8211; sie befindet sich &#252;ber uns, denn unmittelbar im Anschluss an diese Kammer befindet sich die Grablege Rudolfs. So findet der Ausgleich zwischen Recht und Unrecht an der gleichen Stelle statt. Die rechte Hand &#8211; das ist die Hand, die Rechtes und Gutes tut. Mit ihr steuern wir unser Leben (sofern wir Rechtsh&#228;nder sind), sie reichen wir zur Begr&#252;&#223;ung, sie erheben wir, um ein Zeichen zu geben, und mit ihr segnen wir. In vielen Sprachen existiert die Gleichsetzung dieser Richtung mit &#8220;richtig&#8221; und mit &#8220;Recht&#8221;, wie im Franz&#246;sischen <em>droit</em>, im Englischen <em>right</em> und im Spanischen <em>derecha</em>. Die rechte Hand kann etwa Recht machen. Sie kann das Ungerade zurecht r&#252;cken, kann Unrecht ausgleichen.</p>
<p>Vielleicht wird das Unrecht, das wir begangen haben, ob wissentlich oder unwissentlich, immer wieder ausgeglichen. Tief in uns gibt es eine Instanz, an einem heiligen inneren Ort, an dem dies geschieht, an dem wir gesegnet sind und an dem unsere guten Absichten wohnen. Vielleicht begehen wir an der Oberfl&#228;che unserer Existenz, dort wo wir die W&#252;rden unseres Lebens tragen, Funktionen erf&#252;llen und uns oft genug in ein Dilemma begeben m&#252;ssen und uns entscheiden m&#252;ssen, welchem Herrn wir dienen wollen, Fehler. Doch unter dieser Oberfl&#228;che gibt es diese Gewissheit, dass wir es gut gemeint haben. Vielleicht blicken wir, so wie Rudolf, mit den Augen nach oben, weil wir dort den Richter vermuten (und wohl auch finden), der uns f&#252;r unser Unrecht bestraft. Doch in uns gibt es eine segnende Hand, die uns h&#228;lt und tr&#228;gt und uns verziehen hat, noch bevor wir &#252;berhaupt so etwas wie eine Verfehlung begangen haben. Das ist das wahre Gottesurteil: wir sind in unserem Herzen allesamt unschuldig und aus unserem Herzen sch&#246;pfen wir immer wieder neue Unschuld.</p>
<p><em>Mich erinnert das Wechselspiel zwischen Vierung und Krypta des Merseburger Doms an die Augenblicke meines Lebens, in denen ich gefehlt habe, in denen ich Dinge getan habe, die Unrecht waren. Ich habe Versprechen gebrochen, Erwartungen entt&#228;uscht, die L&#252;ge der Wahrheit vorgezogen. Was habe ich dadurch besch&#252;tzen wollen? Worum ging es mir wirklich? Bin ich mir bewusst, dass ich in guter Absicht handelte? Und welche gute Absicht war es, die sich in mir durchgesetzt hat, und die mich in den Augen der Welt Unrecht tun lie&#223;?</em></p>
<p>Gehen wir den Weg noch einmal: von der Grabplatte, an der wir uns als diejenigen vorfinden, die Unrecht begangen haben, die sich schuldig daf&#252;r gef&#252;hlt haben und sich vielleicht nicht anders zu helfen wussten. Hier stehen wir im Kreuzfeuer der Geschichte, richten unseren Blick nach oben, wo unsere Augen nach dem Richter f&#252;r unsere Verfehlungen suchen. Dann aber wenden wir uns in die Tiefe, suchen jenen geheimen, viel &#228;lteren Ort in der Krypta auf und betrachten die uns immer w&#228;hrend segnende rechte Hand, wie sie alles Unrecht ausgleicht.</p>
<p>Wer &#252;brigens die abgeschlagene Schwurhand Rudolfs des Schwaben besichtigen m&#246;chte, der findet sie im Kapitelhaus des Doms, wo sie mumifiziert als Reliquie ausgestellt ist.</p>
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