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	<title>Mystische Orte &#187; Krypta</title>
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	<description>von Christopher A. Weidner</description>
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		<title>Der Merseburger Dom (1)</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Jul 2008 08:48:52 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Sachsen-Anhalt]]></category>
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		<description><![CDATA[Merseburg &#8211; der Name der Stadt wurde noch bis in die Renaissance hinein als &#8220;Burg des Mars&#8221; gedeutet, eine Stadt also geweiht dem Kriegsgott Mars. Sehr viel wahrscheinlicher ist zwar, dass sich der erste Teil des Namens der Stadt von dem alts&#228;chsichen Wort meri f&#252;r &#8220;Sumpf&#8221; ableitet, denn die Stadt liegt dort, wo sich das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_58" class="wp-caption alignleft" style="width: 170px"><img class="size-medium wp-image-58" title="Merseburger Dom" src="http://www.mystische-orte.de/wp-content/uploads/2008/07/merseburger_dom_eingang-200x300.jpg" alt="" width="160" height="240" /><p class="wp-caption-text">Foto: Christopher Weidner</p></div>
<p>Merseburg &#8211; der Name der Stadt wurde noch bis in die Renaissance hinein als &#8220;Burg des Mars&#8221; gedeutet, eine Stadt also geweiht dem Kriegsgott Mars. Sehr viel wahrscheinlicher ist zwar, dass sich der erste Teil des Namens der Stadt von dem alts&#228;chsichen Wort <em>meri</em> f&#252;r &#8220;Sumpf&#8221; ableitet, denn die Stadt liegt dort, wo sich das Fl&#252;sschen Geisel in die Saale ergie&#223;t, ein in fr&#252;heren Zeiten sicherlich sehr wasserreiches Gebiet. Das Gebiet wurde wohl schon sehr fr&#252;h besiedelt, doch erste urkundliche Erw&#228;hnung findet die Stadt im 9. Jahrhundert &#8211; wir betreten also fr&#252;hmittelalterlichen Grund. Im 11. Jahrhundert errichtete Thietmar von Merseburg den heute weltber&#252;hmten Dom, der einige der bedeutendsten Meisterwerke des Mittelalters und sp&#228;terer Epochen beherbergt.<span id="more-53"></span></p>
<p>Genau dort, wo sich Langhaus und Querhaus der Kirche kreuzen, im Mittelpunkt der so genannten Vierung und damit an der wichtigsten Stelle &#252;berhaupt im ganzen Geb&#228;ude, befindet sich die bronzene Grabplatte Rudolfs von Schwaben, das wohl &#228;lteste erhaltene Bildnisgrabmal. Urspr&#252;nglich vergoldet und mit Edelsteinen besetzt muss einen tiefen Eindruck auf die Besucher der Kirche gemacht haben, wenn das Licht der Sonne durch die Fenster im Chor es in vollem Glanze erstrahlen lie&#223;.</p>
<p>Fast wie ein Heiliger liegt Rudolf da, einst Gegenk&#246;nig Heinrichs IV. und seinen Verletzungen nach der verlorenen Schlacht an der Elster im Jahre 1080 erlegen. &#8220;Der Tod ward ihm Leben. F&#252;r die Kirche ist er gefallen&#8221; &#8211; so preisen ihn die Majuskeln auf der glatt polierten Grabplatte. Seine rechte Hand hatte er in der Schlacht verloren, die Hand, mit der er einst Heinrich die Treue geschworen hatte &#8211; ein Gottesurteil, so sahen es die Zeitgenossen. Doch noch nach seinem Tod wurde er wie ein K&#246;nig gefeiert, und so liegt er hier mit den Insignien der k&#246;niglichen Macht: Reichsapfel, Zepter und B&#252;gelkrone.</p>
<div id="attachment_63" class="wp-caption alignleft" style="width: 197px"><a href="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/Grabplatte_Rudolf_von_Rheinfelden_Detail.JPG"><img class="size-medium wp-image-63" title="Grabplatte Rudolfs des Schwaben" src="http://www.mystische-orte.de/wp-content/uploads/2008/07/merseburger_dom_grabplatte-187x300.jpg" alt="foto" width="187" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Michail Jungierek</p></div>
<p>Diese Stelle ist die kraftvollste in der ganzen Kirche. Folgen Sie dem Blick des starr da liegenden K&#246;nigs mit seinem strengen und freudlosen Gesicht und beobachten Sie, wie sich hier die Kraft b&#252;ndelt. Was sieht er von dort aus, wohin schweift sein Blick? So kraftvoll der Ort, so wenig einladend ist es, dort l&#228;nger zu verweilen &#8211; leicht bekomme ich den Eindruck, das hier das Erhabene sich mit dem Bedr&#252;ckende mischt.</p>
<p>Im n&#246;rdlichen Querschiff f&#252;hrt eine Treppe hinab in die Krypta, dem &#228;ltesten erhaltenen Teil der Kirche und ein stiller Ort, dessen Atmosph&#228;re die aufw&#252;hlende Kraft unmittelbar &#252;ber unseren K&#246;pfen d&#228;mpft und ausgleicht. Drei Pfeilerpaare gliedern die Halle, in welcher die Energie sanft und doch bestimmt schwingt. Die Akustik dieses Raumes ist fantastisch: bei ge&#246;ffneten Seitent&#252;ren dringt der Gesang des dort singenden Chores bis in das Kirchenschiff und f&#252;llt den Dom mit Klang &#8211; ohne dass wir w&#252;ssten, woher der Gesang seinen Ursprung nimmt. Unser Augenmerk gilt aber weniger diesem Umstand. An der Westseite des Raumes beleuchten Kerzen eine Kammer, deren urspr&#252;ngliche Funktion ein Geheimnis ist &#8211; in sp&#228;teren Zeiten wurden hier immer wieder Reliquien aufbewahrt. Wer seine Scheu &#252;berwindet und den Raum dort betritt, wird etwas &#220;berraschendes entdecken: direkt &#252;ber dem Eingang erhebt sich die segnenden Hand Gottes vor dem Hintergrund eines Kreuzes. &#8220;M&#246;ge dich diese Hand davor bewahren, Unrecht zu begehen.&#8221;, k&#252;ndet eine nur in Bruchst&#252;cken &#252;berlieferte Inschrift.</p>
<p>Die Hand, die Unrecht getan hat &#8211; sie befindet sich &#252;ber uns, denn unmittelbar im Anschluss an diese Kammer befindet sich die Grablege Rudolfs. So findet der Ausgleich zwischen Recht und Unrecht an der gleichen Stelle statt. Die rechte Hand &#8211; das ist die Hand, die Rechtes und Gutes tut. Mit ihr steuern wir unser Leben (sofern wir Rechtsh&#228;nder sind), sie reichen wir zur Begr&#252;&#223;ung, sie erheben wir, um ein Zeichen zu geben, und mit ihr segnen wir. In vielen Sprachen existiert die Gleichsetzung dieser Richtung mit &#8220;richtig&#8221; und mit &#8220;Recht&#8221;, wie im Franz&#246;sischen <em>droit</em>, im Englischen <em>right</em> und im Spanischen <em>derecha</em>. Die rechte Hand kann etwa Recht machen. Sie kann das Ungerade zurecht r&#252;cken, kann Unrecht ausgleichen.</p>
<p>Vielleicht wird das Unrecht, das wir begangen haben, ob wissentlich oder unwissentlich, immer wieder ausgeglichen. Tief in uns gibt es eine Instanz, an einem heiligen inneren Ort, an dem dies geschieht, an dem wir gesegnet sind und an dem unsere guten Absichten wohnen. Vielleicht begehen wir an der Oberfl&#228;che unserer Existenz, dort wo wir die W&#252;rden unseres Lebens tragen, Funktionen erf&#252;llen und uns oft genug in ein Dilemma begeben m&#252;ssen und uns entscheiden m&#252;ssen, welchem Herrn wir dienen wollen, Fehler. Doch unter dieser Oberfl&#228;che gibt es diese Gewissheit, dass wir es gut gemeint haben. Vielleicht blicken wir, so wie Rudolf, mit den Augen nach oben, weil wir dort den Richter vermuten (und wohl auch finden), der uns f&#252;r unser Unrecht bestraft. Doch in uns gibt es eine segnende Hand, die uns h&#228;lt und tr&#228;gt und uns verziehen hat, noch bevor wir &#252;berhaupt so etwas wie eine Verfehlung begangen haben. Das ist das wahre Gottesurteil: wir sind in unserem Herzen allesamt unschuldig und aus unserem Herzen sch&#246;pfen wir immer wieder neue Unschuld.</p>
<p><em>Mich erinnert das Wechselspiel zwischen Vierung und Krypta des Merseburger Doms an die Augenblicke meines Lebens, in denen ich gefehlt habe, in denen ich Dinge getan habe, die Unrecht waren. Ich habe Versprechen gebrochen, Erwartungen entt&#228;uscht, die L&#252;ge der Wahrheit vorgezogen. Was habe ich dadurch besch&#252;tzen wollen? Worum ging es mir wirklich? Bin ich mir bewusst, dass ich in guter Absicht handelte? Und welche gute Absicht war es, die sich in mir durchgesetzt hat, und die mich in den Augen der Welt Unrecht tun lie&#223;?</em></p>
<p>Gehen wir den Weg noch einmal: von der Grabplatte, an der wir uns als diejenigen vorfinden, die Unrecht begangen haben, die sich schuldig daf&#252;r gef&#252;hlt haben und sich vielleicht nicht anders zu helfen wussten. Hier stehen wir im Kreuzfeuer der Geschichte, richten unseren Blick nach oben, wo unsere Augen nach dem Richter f&#252;r unsere Verfehlungen suchen. Dann aber wenden wir uns in die Tiefe, suchen jenen geheimen, viel &#228;lteren Ort in der Krypta auf und betrachten die uns immer w&#228;hrend segnende rechte Hand, wie sie alles Unrecht ausgleicht.</p>
<p>Wer &#252;brigens die abgeschlagene Schwurhand Rudolfs des Schwaben besichtigen m&#246;chte, der findet sie im Kapitelhaus des Doms, wo sie mumifiziert als Reliquie ausgestellt ist.</p>
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